Die liebe Liebe

Sehr viele Menschen kommen irgendwann einmal an den Punkt, wo sie ihre Paarbeziehung hinterfragen. Oft nur aus einem mulmigen Gefühl heraus, dass etwas nicht ganz richtig ist, manchmal, weil einem der andere zunehmend auf die Nerven geht oder auch weil man sich innerlich weit entfernt fühlt von seinem Partner. 

Gründe gibt es viele und sie haben viel mit unserem unbewußten Denken, Fühlen und Handeln zu tun und wie unser Partner darauf reagiert. Es verlangt von jedem ein hohes Maß an Achtsamkeit sich selbst gegenüber. Denn das Problem des einen ist auch das Problem des anderen.

Eine Beziehung braucht Bindung und Autonomie, braucht Wurzeln und Flügel zugleich. Eine Beziehung braucht sowohl Verlässlichkeit und Struktur als auch Flexibilität und Spontanität. Hans Jellouschek hat das sehr schön in einem Polaritätsmodell dargestellt:

Diese Bedürfnisse sind gegensätzlich, aber in einer gesunden Beziehung durchaus vereinbar. Liebe bleibt nur dann lebendig, wenn sich die Partner nicht polarisieren, die Gefahr liegt in der Polarisierung. Wenn beispielsweise ein Partner sehr großen Wert auf Nähe liegt aber dem anderen keinen Freiraum für eigene Aktivitäten gibt, dann fühlt sich der andere womöglich eingeengt und wird sich irgendwann seinen Ausweg aus der Umklammerung suchen.

Das gleiche gilt für ein gesundes Verhältnis von Struktur (Dauer) und Spontanität (Wechsel).
Klarheit in den Strukturen, Plänen und Aufgaben sind gut und wichtig, aber ebenso braucht es das spontane umwerfen aller Pläne sowie flexible Anpassungen des geplanten. 

Alle diese Bedürfnisse sind notwendig und wichtig, wir müssen nur herausfinden, was dem anderen wichtig ist und wie wir das mit unseren Bedürfnissen in eine Balance kriegen.
Eine Balance herstellen meint nicht, dass wir nun Buch darüber führen und gegeneinander aufrechnen, was wir für den anderen getan oder nicht getan haben. Es mag durchaus gut funktionieren, dass ein Partner sich um die tägliche Organisation des Haushalts kümmert und der andere um die Finanzen, aber jeder sollte in der Lage sein, informiert und wissend an die Stelle des anderen zu treten.

So weit das Ideal 🙂
Aber wenn es dann doch nicht so ideal läuft in der Beziehung dann mag es hilfreich sein, sich diese Fragen zu stellen und auch ehrlich für sich zu beantworten:

  • Willst du in dieser Beziehung leben, ohne Bedingungen zu stellen, egal unter welchen Umständen?
  • Fühlst du dich in körperlicher Nähe uneingeschränkt wohl in dieser Beziehung?
  • Fühlst du dich in dieser Beziehung gebunden und frei zugleich, d.h., ist dein Bedürfnis nach Geborgenheit und Freiheit ausgewogen?
  • Erfährst du genügend Unterstützung für dich und bist du in der Lage Unterstützung zu geben? Wie steht es hier um die Balance?
  • Welche Impulse, Gefühle, Gedanken löst dein jetziger Partner bei dir aus?
  • Was passiert oft, wenn du deine Impulse, Gefühle, Gedanken äußerst?
  • Wie oft tust du etwas ihm zuliebe?
  • Wie oft tut er etwas dir zuliebe?
  • Könnt ihr einander verzeihen?
  • Was ist für dich die Herausforderung in dieser Beziehung?

Sich diese Fragen zu beantworten ist möglicherweise nur ein erster Schritt, eine Paartherapie könnte ein zweiter sein, falls man nicht zu einer Lösung findet.

Ich hab das hier mal so ausführlich aufgeschrieben, weil es gerade im Bekanntenkreis thematisiert wurde. In meiner Beziehung ist alles sehr schön 🙂

Von Zuwendungen und Erwartungen

Wir alle brauchen Aufmerksamkeit, Zuwendung und Liebe, es ist ein Grundbedürfnis des Menschen. So weit so gut, so einleuchtend. Jedoch ist die Art, wie uns Zuwendung widerfährt entscheidend dafür, wie wir Beziehungen zu anderen Menschen gestalten. Es ist ein hochkomplexes Geflecht von moralischen Verpflichtungen, Bedingungen, Erwartungen und Emotionen. Zuwendung ist für unser Wohlbefinden so notwendig, dass wir sogar negative Zuwendung, wie beispielsweise Schläge, Hohn, Spott und Hass, in Kauf nehmen, als gar keine Zuwendung. Ich will hier einmal versuchen diese Abhängigkeiten ein wenig aufzudröseln. Continue reading “Von Zuwendungen und Erwartungen”

A lost world

Currently, we are renovating an old house for, and partly with, our daughter and her husband. It’s hard work and sometimes, I am so tired after a day, that only a warm bath or, if the weather allows it, laying on the beach brings me back to life.
After all these years in management positions, I have to say that I prefer now this kind of work. Restoring a house also needs a lot of organisational and project management skills, and a great ability to learn new things in short time. I really love this work, it’s satisfactory to build something which remains a long time, which is useful and beautiful. Continue reading “A lost world”

Mein Sonnenhut

Mein Sonnenhut

Vor ein paar Wochen, während einer Diskussion über Nachhaltigkeit, Sparen und Konsum, hat mich jemand gefragt, wie alt mein ältestes Kleidungsstück ist.
Damals habe ich geantwortet, dass ich mir 1994 ein Kleid gekauft habe, welches ich noch immer besitze und anziehe (ein klassisches Etuikleid und so gar nicht altmodisch).
Letztes Wochenende jedoch, hab ich ein noch viel älteres Kleidungsstück gefunden: einen Sonnenhut. Diesen Hut hat mir mein Vater aus einem Sommerkleid meiner Mutter genäht als ich so 12 -14 Jahre alt war. Weder er noch ich können uns an das genaue Jahr erinnern, aber ich mußte diesen Hut immer aufsetzen, wenn wir mit unseren Paddelbooten unterwegs waren, von wegen Sonnenstich und so. Natürlich habe ich ihn damals nur unter Protest getragen, denn ich fand ich mich damit nicht schön, im Gegenteil, der Hut war sowas von altbacken, ich hab ihn nicht wirklich gemocht.
Aber irgendwie hat er all die Jahre und viele Umzüge überlebt und seitdem wir im sonnigen Süden leben, ist er mein ständiger Begleiter am Strand geworden.
Nun ist dieser Hut schon über 40 Jahre alt und bereits letzten Sommer drohte er auseinanderzufallen. Ich wollte ihn noch ein wenig retten, aber der Stoff ist schon ziemlich morsch, die Nähte haben sich an vielen Stellen einfach aufgelöst und eine Reparatur war nicht mehr möglich.
Ich war ziemlich traurig darüber, sind doch mit diesem Hut so viele Erinnerungen verbunden, aber nun hat er als Hut ausgedient.

Letzten Sonntag hab ich ihn aufgetrennt um ihn als Vorlage für einen neuen Strandhut zu benutzen. Seine Einzelteile hab ich gut verpackt und in meiner Nähkiste verstaut. So bleibt er noch ein wenig bei mir.
Nach zwei Stunden war mein neuer Hut fertig. Und ausprobiert hab ich ihn auch schon, zwar noch nicht am Strand, aber auf unserer Terrasse 🙂

Hands

Grenzen und Bindungsmuster

Auf dem Weltkongress der Transaktionsanalytiker habe ich an einem Workshop teilgenommen, dessen Titel mich provoziert hat: Grenzen als Kraftquelle.
Grenzen nehme ich überwiegend als etwas war, was mich einschränkt, welche es zu verändern bzw. zu überwinden gilt.
Grenzen sind hier verstanden als innere Grenzen, Einschränkungen, die wir entschieden haben zu akzeptieren in einem frühkindlichen Stadium unserer Entwicklung. Es sind also Grenzen, die wir uns selbst gegeben haben, und die wir pflegen und verstärken, wenn wir nicht in der Lage sind, adäquat auf gegenwärtige Situationen zu reagieren.

Wie kommt es dazu?

Die Theorie über Bindungsmuster von John Bowlby liefert einen interessanten Ansatz dafür, wie frühe Verlust-und Trennungserlebnisse die Entwicklung von kindlichen Verhalten beeinflussen und dies auch noch das Verhalten im erwachsenes Leben bestimmen kann.

Bowlby definierte das Bindungssystem als ein primäres, genetisch verankertes motivationales System dar, welches zwischen der primären Bezugsperson und dem Säugling nach der Geburt aktiviert wird. Es hat überlebenssichernde Funktion.
Bindung entsteht aus der Abhängigkeit des Säuglings zu (in den meisten Fällen) seiner Mutter. Der Säugling sucht Schutz sobald er äußere oder innere Gefahr wahrnimmt, also wenn er Angst hat. Dies kann der Fall sein, wenn er sich von seiner primären Bezugsperson getrennt fühlt, körperliche Schmerzen hat, schlecht träumt oder fremde Personen auftauchen. Der Säugling signalisert der Mutter sein Schutzbedürfnis. Die Art, wie die Mutter drauf reagiert ist entscheidend für die Ausbildung des Bindungsmusters des Kindes.
Befriedigt die Bezugsperson angemessen das Schutzbedürfnis des Kindes, entwickelt sich eine sichere Bindung.
Wird das Bedürfnis des Kindes nur unzureichend und inkonsistent befriedigt, entsteht eine unsichere Bindung.
Das Bindungsmuster bildet sich also als Anpassung an Gefühle, Erwartungen und Verhalten zwischen dem Säugling und seiner primären Bezugsperson.

Im Krabbelalter beginnt das Kind seine Umgebung zu explorieren. Es entfernt sich also von seiner primären Bezugsperson um seine Umgebung zu erkunden und lernt, seine Trennungsangst zu überwinden, wenn es die Beziehung zu seiner Bezugsperson als emotional stabil erfahren hat. Die Bezugsperson setzt dem Kind Grenzen und gesteht ihm so den Freiraum für seine Erkundungen zu. In einer sicheren Bindung kann das Kind von seinen Erkundungen zurück kehren und sich noch immer emotional angenommen fühlen. Auf diese Art entwickelt das Kind ein Sicherheitsgefühl, es lernt mit der eigenen Angst umzugehen und wird selbstsicher (sich seiner selbst sicher).

Dies alles geschieht im ersten Lebensjahr des Kindes. Aber auch als Erwachsene aktivieren wir dieses Bindungsmuster, wenn wir uns in Gefahr fühlen.
Unser frühkindlich entwickeltes Bindungs- und Explorationsmuster liefert die Grundlage dafür, wie wir später in der Lage sind eine stabile, tragfähige Bindung zu anderen Menschen aufzubauen, zu erhalten und zu weiter zu geben.

Das positive daran, es ist veränderbar!
Das schwierige daran, es ein komplizierter, innerer Prozeß bei dem man lernen muß, seine inneren Grenzen zu erkennen, anzuerkennen und zu überwinden. Dieser Prozeß geht meist mit Abwehr einher und diese hat viele Gesichter:

Verdrängung – als Schutz vor einem als bedrohlich empfundenen äußeren Einfluß

Regression – unbewußter Rückzug auf ein frühkindliches Verhalten

Verleugnung – die Realität wird nicht in Gänze wahrgenommen

Vermeidung – Schlüsselreize werden vermieden

Projektion – ein Ereignis wird anderen Personen zugeschrieben

Rationalisierung – Affekte werden nicht ernst oder wahrgenommen

Somatisierung – die Nichtwahrnehmung eines Problems zeigt sich körperlichen Beschwerden

Idealisierung – Sichtweisen werden unbewußt überhöht oder abgewertet

Autoagression – Aggression gegen die eigene Person

All diese Mechanismen dienen letztlich dem Schutz vor einem bedrohlichen Ereignis, aber sie verhindern gleichzeitig eine positive Veränderung.
Solange man sich dieser Mechanismen bedient, braucht man sie noch. Sie schützen vor Überforderung, Angst (vor Veränderung), Verunsicherung, …
Werden sie weggenommen, verstärken sich diese Abwehrmechanismen.

Die Lösung liegt darin zu verstehen, warum wir uns dieser Abwehrmechanismen bedienen um in der Lage zu sein, mit Distanz, sozusagen von einer Metaebene aus, auf unser Verhalten, Denken und Fühlen zu schauen und zu überprüfen, inwieweit es situationsbezogen ist, also im Hier und Heute stattfindet, oder ob da ein alter, angelernter Prozeß aus unserer frühen Kindheit von uns stattfindet.
Mit diesem Prozeß kann eine Grenze zur Kraftquelle werden.

Old Young Woman

Die Schönheit des Alterns

Wer heute als schön gilt wird morgen kaum noch zum Putzen bestellt. (Karl Lagerfeld)

Ich war auf der Weltkonferenz der Transaktionsanalytiker und der letzte Workshop, den ich dort besucht habe hatte den Titel

The beauty of aging – between experiencing one’s limits and developing self-acceptance. (Die Schönheit des Alterns – eigene Grenzen erfahren und Selbstakzeptanz entwickeln).

Mittlerweile sind auch bei mir deutliche Zeichen des Alterns sichtbar und nicht immer bin ich mit dem glücklich, was ich aus Altersgründen an mir wahrnehme. Also dachte ich mir, dieser Workshop kann mir helfen diesen, meinen Alterungsprozeß zu akzeptieren.
Es ist sicherlich nicht überraschend für den Leser, dass der Raum rammelvoll mit Frauen meines Alters war, aber auch ein Mann (schon ziemlich älter), war dabei.

Bereits die Auftaktübung bestätigte meine Vermutung, dass nicht nur ich Schwierigkeiten mit dem Altern habe. Jede Frau und auch der eine Mann, bekam einen kleinen Handspiegel und in diesen sollten wir zwei Minuten (!!) hineinschauen und dabei in uns hineinlauschen. Auf die Frage der Referentin, wer mit dem, was er dort im Spiegel sah zufrieden ist, hat niemand positiv reagiert!
Der Raum war voller schöner Frauen, zumindest sah ich das so. Und keine davon findet sich schön?? Was ist los mit uns?
Beugen wir uns tatsächlich alle dem durch Werbung zelebrierten Schönheitsideal? Oder reagieren wir immer noch (unbewußt) auf die Einschärfungen, die wir in früher Kindheit von unseren Eltern gehört haben und denen wir uns entschlossen habe Folge zu leisten?

Sei Perfekt! ist solch eine Einschärfung. Wenn wir diesen Satz einmal auf Schönheit beziehen, dann leitet sich daraus möglicherweise der persönliche Glaubenssatz ab, ein perfektes, makelloses Äußeres zu haben bzw. herzustellen.
Streng dich an! könnte dazu führen, dass Mann/Frau sich schlank hungert, Sport bis zum Umfallen macht, jede Diät ausprobiert, nur um einem Idealbild zu entsprechen.

Es gibt noch ein paar mehr dieser Antreiber (beeil dich, sei stark, tu es mir zuliebe) und irgendwie haben wir diese Aufforderungen alle mehr oder weniger internalisiert und folgen ihnen. Diese vor lange Zeit getroffenen Entscheidungen offenbaren sich in dem, was wir über uns, andere und das Leben glauben wollen.
Das hat mit der tatsächlichen Realität nicht immer viel gemein.
Die “Erlösung” liegt darin, diese Glaubenssätze aufzulösen:
Ich bin perfekt so wie ich bin, mit all meinen Falten, Runzeln und grauen Haaren! Ich muß mich nicht optimieren.
Ich lebe ein gesundes Leben, treibe Sport und verzichte nicht auf Schokolade 😉

Also, sagt das mal zu euch, wenn ihr wieder in den Spiegel schaut und versucht es zu glauben 😉

 

Foto: Kris KrügRicky (CC BY-SA 2.0)

 

 

 

 

 

Mein Spielplatz

Erwachsen sein

It takes courage to be who you really are.
E.E. Cummings

Erwachsen werden ist ein Prozess, unabhängig vom Alter und nicht immer leicht. Erwachsen sein bedeutet, die Konsequenzen des eigenen Handelns zu überschauen und die Verantwortung dafür übernehmen. Das heißt auch, dass man sich seiner selbst gewahr ist, dass man seine Emotionen und deren Auslöser kennt und trotzdem in der Lage ist, rationale Entscheidungen zu treffen.
Klingt einfach, aber manchmal bestimmen erlernte Muster unser Handeln und wir reagieren dann nicht erwachsen. Unsere Reaktionen passen nicht zum Hier und Heute, sondern wir reagieren emotional auf etwas in der Vergangenheit liegendes. Das passiert unbewußt, es braucht nur eines bestimmten Auslösers, dem zu begegnen wir in frühester Kindheit erlernt haben.

Den Beziehungen zwischen Eltern und Kind kommt dabei eine Schlüsselrolle zu. Von unseren Eltern übernehmen wir mehr oder weniger automatisch Werte und Moralvorstellungen, passen uns daran an oder lehnen sie ab. Manchmal können unsere Reaktionen sehr einschränkend für uns selbst sein, beispielsweise wenn man trotzig etwas ablehnt, ohne zu prüfen ob das in der aktuellen Situation sinnvoll wäre, nur weil es die Mutter oder der Vater gesagt haben.

Ich wurde selbst vor vielen Jahren, im Rahmen meiner Ausbildung zur Transaktionsanalytikerin, über das Verhältnis zu meinem Vater supervisiert, da ich dieses damals als für mich sehr schwierig erlebt habe. Mir hat diese Analyse geholfen, mein Verhältnis zu meinem Vater und im weiteren auch zu meiner Mutter, zu klären und erwachsen zu reagieren.
In den letzten Wochen ist mir dieses Thema bei verschiedenen Diskussionen mehrmals über den Weg gelaufen und so möchte ich hier ein paar Ideen weiter geben, wie man sein Verhältnis zu seinen Eltern für sich klären kann.
Dies zu tun hat Bedeutung für unser Selbstwertgefühl, für den Umgang mit eigener und fremder Autorität, Partnerschaft und Erziehungseinstellungen.
Ich halte es für eine gute Idee, diesen Prozeß mit jedem Elternteil getrennt zu durchlaufen.

Was war gut an meinem Vater? (Aufzählung, ohne Wertung)
→ Habe ich davon etwas übernommen?

Was waren seine Lebensleitsätze?
→ Gibt es Widersprüche zwischen dem, was er gesagt hat und dem, was er getan hat?

Was hat ihn geprägt?
→ Was hat das mit mir gemacht?

Welche Lebensleitsätze habe ich übernommen?
→ Was ist daran gut, nicht so gut?)

Schreib eine Anklageschrift und lies sie laut:
→ Was hast du mir genommen?
→ Was schuldest du mir?
→ 
Als guter Vater hättest du..…
Am Ende, formuliere den Schaden der dir entstanden ist.

Stell dir vor, du triffst auf deinen Vater. Er ist nun ein alter Mann. Was würdest du ihm sagen, was ihn fragen?
Kann er den dir entstandenen Schaden wieder gut machen?
Kannst du Abschied von diesem Vater nehmen, der dir den Schaden zugefügt hat?

Kannst du dich auf deinen Vater im Hier und Heute neu einlassen?

Achtung: das ist kein Rezept, in manchen Fällen mag es durchaus besser sein, sich professionelle Hilfe zu suchen.

 

 

Verwandlung eines Zimmers

Kannst du es irgendwie südfranzösischer machen?

Ich male nicht nur Leinwände an, sondern auch richtige Wände, genauer gesagt, ich verputze sie. So auf die traditionelle Art, mit Kalk, Sand, Gips und Marmormehl, je nach Untergrund und Verwendungszweck. Das ist für alte Häuser hier in Südfrankreich die beste und auch nachhaltigste Methode. Die alten Häuser sind überwiegend aus Natursteinen und Kalk oder Gips und Sand gebaut. Die Wände sind oft bis zu 60 cm dick, regulieren so ganz gut das Raumklima.

Im Sommer hält das für lange Zeit die Hitze draußen, die Mauern erwärmen sich erst so nach und nach und halten die Wärme für einige Zeit im Inneren der Häuser, so dass man erst spät und relativ wenig heizen muß. Oftmals blieben die Steine sichtbar, und wenn die Wände verputzt wurden, dann mit einer Mischung aus Kalk, Gips und Sand. Diese Putze lassen die porösen Steine atmen, d.h., Feuchtigkeit bleibt nicht im Mauerwerk stecken, sondern kann wieder nach außen oder innen entweichen.

Wenn so ein Haus modernisiert wurde, dann mußte auch oft der Wandputz erneuert werden. Das bedeutet, den alten Putz abschlagen, Wand säubern, gegebenenfalls Löcher mit Steinen füllen und dann neu verputzen. Das ist natürlich ein erheblicher Zeitaufwand und man muß es können. Es ist viel einfacher, solche Wände einfach zu verkleiden, mit Fermacell oder Gipskartonplatten, was mit entsprechender Isolierung noch immer ein gutes Raumklima gibt. Aber manchen Menschen ist auch das noch zu aufwendig und deshalb tackern sie einfach Plastikpaneele davor oder putzen alles mit Zement oder einer schnell aufzutragenden Acrylspachtelmasse zu. Da kommt keine Luft mehr durch, irgendwann wird es mufflig, denn die Feuchtigkeit bahnt sich früher oder später ihren Weg.

Vor ein paar Wochen hatte ich solche Wände vor mir: mit weißem, rauhem Acrylputz verspachtelt. Eine Wand war in Dunkelrot gestrichen. Das Zimmer ist, für hiesige Verhältnisse relativ dunkel, da die beiden Fenster zu einem Hof führen und die Sonneneinstrahlung durch eine gegenüberliegende Mauer begrenzt ist. Aber es hat einen wunderschönen, alten Terrakotta Fußboden. Es war das Wohnzimmer des Hauses.

Der neue Besitzer wollte aus diesem Zimmer sein Schlafzimmer machen und von mir eine Empfehlung für eine schöne Wandfarbe haben. Die Wände sollten irgendwie südfranzösisch wirken. Ich war zunächst ein wenig hilflos, denn ich wollte auf gar keinen Fall diesen Putz auch noch mit irgendeiner Farbe überstreichen, aber ich wußte auch nicht so recht, wie ich dem doch recht ungeduldigen Besitzer erklären sollte, wie man das Zimmer wirklich schöner machen könnte. Aber, er kam mir selbst zu Hilfe. Er zeigte mir ein Foto von einer schönen, im traditionellen Stil verputzten Wand. So was wollte er auch haben. Also hab ich ihm erklärt, dass erst der alte Putz weg muß bevor man neuen auftragen kann. Damit war er schließlich einverstanden und so haben wir gemeinsam fast einen ganzen Tag den Putz abgekratzt und ich hab anschließend die Wände neu verputzt. Ich hab ein paar Farbmuster gemacht und wir haben uns auf einen etwas kräftigeren Terrakotta Ton für eine Wand und einen leichten Ton für die übrigen Wände geeinigt.

Am Ende haben wir das Zimmer komplett renoviert, die Balken frei gelegt, die Decke neu verkleidet und weiß gestrichen.

Jetzt sieht das Zimmer nicht mehr wie eine Höhle aus, sondern warm und freundlich. Die Wandfarbe ist sehr südfranzösisch und reflektiert gut das einfallende Licht.

Das Zimmer sieht jetzt schön aus 😉

Seltsam

Bin ich seltsam?

Bin ich merkwürdig, schrullig, verschroben, wunderlich, von der Norm abweichend?

Jemand nannte mich seltsam, weil es ungewöhnlich für ihn ist, dass eine Frau mit Hingabe Wände verputzt, Naturstein Mauern und Fußböden baut, Fliesen verlegt und gern alte Häuser renoviert.

Keiner nannte mich seltsam, als ich Anlagen für die Reifenproduktion einkaufte, Vertriebsniederlassungen für einen Reifenhersteller aufbaute, Busse verkaufte. Allerdings schauten meine zumeist männlichen Kunden anfangs schon ein wenig gönnerhaft auf mich herab und liebten es, mein technisches Wissen zu testen. Seltsam fand ich dabei, dass dieses technische Wissen bei meinen durchweg männlichen Kollegen vorausgesetzt und niemals hinterfragt wurde. Glaubt mir, nicht einmal die Hälfte von denen konnte erklären wie eine Reifenproduktionsanlage oder ein Bus funktionierte.

Meine Eltern machten nie einen Unterschied zwischen Arbeiten, die vermeintlich eher für Frauen oder Männer geeignet sind und so habe ich mir lange Zeit überhaupt keine Gedanken darüber gemacht, ob es seltsam für eine Frau ist Reifen aufzuziehen.
Für mich gibt es höchstens Arbeiten, die für die meisten Frauen körperlich zu schwer sind, beispielsweise Zementsäcke schleppen, aber da kann man sich ja starke, sprich männliche, Hilfe organisieren 😉

Ich find mich ehrlich gesagt überhaupt nicht seltsam. Aber die Bemerkung hat mich schon nachdenklich gemacht.
Dahinter steckt Stereotyp, ein festgelegtes Bild oder ein festgefügter Glauben den man von bestimmten Situationen, Personen oder Gruppen. Manchmal ist sowas hilfreich, um sich schnell in einer Situation zurechtzufinden. Aber es kann auch hinderlich sein, eine Situation zu hinterfragen und neu zu denken.

Irgendwie ist diese Bemerkung auch sexistisch: Frauen machen/können sowas nicht, das ist eher was für Männer.
Als wir nach Frankreich gezogen sind und angefangen haben unsere Häuser zu renovieren, habe ich ganz oft Sätze gehört wie “… das ist keine Arbeit für eine Frau..” oder “ lass das doch deinen Mann machen…”.
Wenn ich im Baumarkt oder Fachhandel nach Rat gefragt habe, hat man mir tatsächlich das ein und andere Mal erklärt, ich solle lieber meinen Mann vorbei schicken, das ist eine technische und daher sehr komplizierte Angelegenheit.

Das hat mich schon schockiert und wütend gemacht.
Mittlerweile wissen viele Leute hier, dass ich gern (und gut!) solche “Männerarbeiten” mache und akzeptieren das mit einem Lächeln.
Ich bin mir ziemlich sicher, viele finden mich gerade deshalb seltsam.

René Magritte - Le faux miroir https://www.flickr.com/photos/centralasian/6601898319

Gewissheit

Der plötzliche Tod meiner Mutter hat uns, ihre engsten Angehörigen, fragend zurückgelassen.
Je mehr wir über sie reden und uns erinnern, um so mehr Facetten entdecken wir von ihr. Wir erkennen, dass wir alle verschiedene Dinge über sie wußten. So langsam ergibt sich für uns ein neues, ein gemeinsames Bild. Dabei stellen wir unsere alten Gewissheiten in Frage, legen manche beiseite und eignen uns neue an.

Das Wort Gewissheit geht mir seit Tagen im Kopf herum, ich assoziiere damit und muß es mal aufschreiben, um zu sortieren, was mir dazu einfällt:

Gewissheit, sich einer Sache sicher sein, sich auf seine Erfahrungen und Überzeugungen verlassen können, denn die haben sich schon oft bewährt in kniffligen Situationen, bei Herausforderungen, die man zu meistern hatte.

Die Gewissheit, etwas ganz sicher wissen, zu kennen. Ein Thema, einen Gegenstand, einen Menschen.

Wie lange hält Gewissheit? Immer? Bis zur nächsten Krise?

Wann habe ich das letzte Mal meine Gewissheiten überprüft, am hier und heute? Zweifle ich meine Gewissheiten an? Oder verlasse ich mich lieber darauf, was ich eh schon weiß? Weil ich mir meiner Gewissheiten sicher bin? Weil ich den Konflikt scheue? Weil ich müde bin, nicht kämpfen will?

Wie gewiß bin ich meiner selbst? Kenne ich mich so gut, dass ich nichts Neues, Ungewisses an mir entdecke, entdecken will?

Zeige ich mich in aller Klarheit, so dass andere sich meiner gewiß sind, so dass sie mich sehen, hören und erkennen?

Wie gewiß kann ich mir deiner Liebe sein? Heute und künftig?