2009-09 Stara Lubovna, Slowakei

Stara Lubovna

Eine schöne Sommerzeit hier in Fitou geht für mich zu Ende, ich gehe wieder auf Reisen.

Diesmal starte ich mit einem Projektmeeting in der Slowakei, in Stara Lubovna. Das liegt ziemlich tief drinnen in der Slowakei, nahe der polnischen Grenze, am Fuß der hohen Tatra. Das sind so Orte, die liegen soweit außerhalb des  “normalen” Fokus, das es ziemlich schwierig wird, überhaupt dorthin zu gelangen. Ich fliege also über Prag nach Kosice und von dort weiter nach Poprad.

Zumindest habe ich eine Bordkarte für alle diese drei Flüge, allerdings, der letzte Abschnitt ist eine Busfahrt. Nach der Pleite von Sky Europe wird der Flughafen Poprad nicht mehr angeflogen. Die Reise ist insgesamt eine ziemliche Tortur, aber das geht allen Projektteilnehmern so, die letzte Strecke fahren sie alle mit dem Bus. Für einige beginnt die letzte Strecke schon in Budapest, was bedeutet, dass sie 10 Stunden im Bus sitzen.

Ich treffe unterwegs eine Kollegin und wir kommen gut in Poprad an. Der Busfahrer setzt uns vor einem Hotel mitten in der Stadt ab und wir machen uns auf die Suche nach dem Bahnhof, denn dort wartet ein Taxi auf uns. Der Fahrer ist schon völlig aufgelöst, weil wir so spät ankommen. Wir haben keine Chance ihm den Grund zu erklären, denn er spricht nur slowakisch. Nach kurvenreichen, hubbeligen 80 Kilometern sind wir endlich in Stara Lubovna. Ich bin völlig fertig, der Fahrer hat uns mit Technomusic zugedröhnt, permanent an seiner Dose Red Bull genippt und ist sehr schnell gefahren.

Wir werden sehr herzlich von unseren Gastgebern begrüßt und bekommen sofort eine Stadtführung. Stara Lubovna ist eine der ältesten Städte in der Region und liegt am Fluß Poprad. Stara bedeutet “alt”, der alte Teil der Stadt besteht nur aus ein paar kleinen Häusern, die um eine Kirche gruppiert sind. Der Rest ist neu oder aber sehr neu

renoviert, da ist nix altes, traditionelles mehr zu sehen. Es sieht aus wie in einem Wüstenrot Katalog. Manche Häuser sind sehr grell angestrichen und die Dächer leuchten in grün, blau, gelb und rot. Wirklich ungewöhnlich.

Das durchschnittliche Einkommen liegt bei ca. 700 Euro pro Monat. Viele, die im Ausland arbeiten schicken Geld nach Hause, damit die Familie ihr Haus renovieren kann oder sie kaufen sich nach der Rückkehr aus dem Ausland ein neues Haus.

Lidl, Billa, Kaufland und Tesco sind überall, wenn die Leute keine andere Sprache sprächen, ich würde denken, ich wäre in Deutschland.

Aber dann, am nächsten Tag finde ich doch noch ein paar Spuren des alten Lubovna in ein paar Gassen abseits der Hauptstraße.

Wir sind zu Gast beim Bürgermeister. Er sagt, dass er stolz ist, uns zu Gast zu haben und stellt uns kurz die Gegend vor. Stara Lubovna hat ungefähr 16.000 Einwohner, die Verwaltungsregion ca. 80.000. Die Menschen arbeiten vorrangig in der Landwirtschaft und im Tourismus. Die Arbeitslosenquote beträgt 10%. Die Probleme in der Region sind die gleichen wie beinahe überall im alten Europa. Die Bevölkerung ist überaltert, die Jungen verlassen die ländlichen Regionen um in Bratislava zu studieren und/oder zu arbeiten, viele gehen gleich ins Ausland. Die Dörfer vereinsamen und sterben so langsam aus.

Auf meine Frage, welche strategischen Konzepte die Verwaltung entwickelt hat, um diese sehr schöne Gegend für junge Leute attraktiv zu machen und den Tourismus zu entwickeln, antwortet er mit Allgemeinplätzen. Natürlich lasse ich mich davon nicht abschrecken und so sind wir schnell in einer Diskussion über das Muß einer modernen technischen Infrastruktur (high-Speed Internet incl.), nachhaltigen Tourismus und Traditonen.

Natürlich gibt es für diese Probleme keine einfachen und schnellen Lösungen, hier ist Spielraum für neues Denken und ungewöhnliche Ideen. Der Bürgermeister geht in zwei Jahren in Pension und wird sicherlich keine entscheidenden Weichen mehr stellen. Das sagen mir später meine slowakischen Kollegen.

Unser Gastgeber, eine Bildungsorganisation für Kinder, Jugendliche und Familien residiert in einem alten Plattenflachbau und ich fühle mich augenblicklich 20 Jahre in die Vergangenheit zurückversetzt. Immerhin, sie haben Internetzugang, wenn auch einen sehr langsamen.  Nebenan ist übrigens ein hypermodernes Arbeitsamt mit einem schnellen Internetzugang. Soviel zur Wertigkeit von Bildung und lebenslangem Lernen.

Es gibt in der Region keine privaten oder staatlichen Weiterbildungseinrichtungen für Erwachsene. Wer einen Job hat, wird bei Bedarf vom Arbeitgeber aus-und weitergebildet. Unsere Kollegen sind zum ersten Mal an einem Projekt für erwachsene, ältere Lernende beteiligt.

Sie wollen diesen Bereich unbedingt ausbauen, sind jedoch in ihren finanziellen Möglichkeiten auf die Unterstützung der Stadt angewiesen. Angesichts einer alternden Bevölkerung und erheblichen Problemen mit der Integration von Roma hat dieses Thema aber nicht die höchste Priorität bei der Stadtverwaltung.

Wo auch immer wir essen, es ist sehr lecker und frisch. Noch kaufen die Restaurants bei lokalen Produzenten ein, ich hoffe, das bleibt noch eine Weile so. Das Personal ist eher kurz angebunden, der Service ist ok, aber Freundlichkeit oder gar Herzlichkeit sind eher selten.

Natürlich machen wir auch einen Ausflug in die nähere Umgebung. Nach drei Tagen von 9.00 bis 18.00 Uhr Meeting tut uns das richtig gut. Wir fahren nach Skalnaté Pleso in der Hohen Tatra. Die Sonne scheint, die Luft ist sehr klar und die Gegend ist atemberaubend schön. Wir müssen eine Stunde warten, bis wir endlich mit dem Lift nach oben fahren können, viele Leute haben bei diesem Wetter das gleiche Ziel.

Auf halber Höhe liegt ein smaragdschimmernder Bergsee. Ursprünglich war der mal viel größer, heute verdient er kaum noch die Bezeichnung See. Aber schön ist es trotzdem hier oben. Das Publikum ist international, besonders viele Polen machen hier Urlaub, auch wenn sich die Zahl der polnischen Gäste nach der Einführung des Euro in der Slowakei beinahe halbiert hat.

Unsere Gastgeber präsentieren uns stolz das neue Einkaufszentrum von Poprad, dort soll es den besten Kaffe der  Stadt geben. Eigentlich wollten wir alle in das alte Zentrum, aber das bekommen wir nicht zu sehen. Hmm, ich hätte lieber die alte Stadt gesehen, das Einkaufszentrum sieht aus wie überall auf der Welt.

Zum Abschluß unseres Meetings essen wir tradionelle Gerichte der Region in einer alten Bergerie. Die ist mittlerweile umgeben von Neubauten und Hochhäusern, mir wäre im Traum nicht eingefallen, dass das Restaurant in einem alten Haus ist.

Es ist schon beinahe ironisch, die EU gibt viel Geld aus, um alte Traditionen und Kulturgut zu erhalten und wiederzuentdecken, aber viele Menschen, die in solch alten Gebäuden leben bzw. gelebt haben, sind froh, den alten Kram los zu sein und in ein modernes neues Haus zu ziehen. Nur eine Minderheit restauriert die alten Häuser und lebt mit alten (restaurierten) Gebrauchsgegenständen. Es ist gut, dass wenigstens etwas davon in Museen aufbewahrt und gezeigt wird.

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2009-03 Paris

Paris

Diesmal wohnen wir in einem kleinen, gemütlichen Hotel im 17. Arrondissement.

Das Arrondissement liegt im Nordwesten von Paris und ist um die früheren Dörfer Batignolles, Monceau und Clichy herum entstanden. Der nördliche Teil, am Place de Clichy ist ein typisches Arbeiterviertel, im südlichen Teil, in Richtung Grands Boulevards, leben die etwas Vermögenderen. Insgesamt wohnen hier ca. 160.000 Menschen, die meisten davon leben allein und es gibt um die 26.000 Unternehmen.

Es ist ein schönes Viertel. Es entspricht in jeder Richtung dem Klischée des typischen Pariser Lebens: mondäne Häuser, buntes Treiben, viele Cafés, Restaurants, Marktstände mit allen Leckereien Frankreichs die laustark und mit blumigen Lockungen von den Händlern feilgeboten werden. Es ist wie auf einer Theaterbühne, das Schauspiel beginnt jeden Morgen aufs neue.

Nach der Rückkehr aus Washington sauge ich diese Athmospäre auf wie ein Schwamm. Der Kontrast könnte kaum größer sein!

Wir laufen durch die Straßen, bis zur Sacré-Cœur, von da zum Centre Pompidou, sitzen im Cafe und gucken Leute, essen lecker bei Iris (au Panier d’Iris, in der rue de Saussure).

Wir bummeln durchs Marais, bewundern die alten, wunderschönen Adelsresidenzen, die im 16. Jahrhundert hier gebaut wurden, als Henry IV. hier sein Schloß hatte.

Gegend Ende des 19. Jahrhundert siedelten sich hier Juden aus Osteuropa. Das Marais war dadurch auch eines der Hauptziele der Nazis während der Besetzung Frankreichs im zweiten Weltkrieg.

In den 90iger Jahren des vorigen Jahrhunderts haben vorallem Künstler, Designer, Modemacher das Viertel wiederentdeckt und begannen mit der Restaurierung der Häuser. Heute ist es eine der teuersten Wohngegenden von Paris.

Die jüdische Gemeinde von Paris hat hier ihr Zentrum und rund um die Rue de Rosiers findet man eine Vielzahl jüdischer Geschäfte.

Wir schauen eine Weile jüdischen Straßenverkäufern zu, die beinahe jeden vorbeigehenden Mann ansprechen und ihm irgendein jüdisches Zubehör (Kippa oder kleine Würfel mit Versen aus der Thora verkaufen wollen. Es sind amerikanische Schüler des jüdischen Gymnasiums, sie bessern sich ihr Taschengeld auf 🙂

Das Marais beherbergt im ehemaligen Hôtel Salé, das Musée Picasso mit 250 Exponaten des Künstlers.  Familienangehörige schenkten die Sammlung in den 70iger und 80iger Jahren dem französischen Staat um so die Erbschaftssteuer zu begleichen.

Als ich dieses Museum vor beinahe 10 Jahren zum ersten Mal besuchte, hat es ich dazu angeregt, mich näher mit Picasso, seiner Kunst, seinem Leben und der Kunst dieser Zeit zu beschäftigen. Ich bin sozusagen ein Picasso Fan geworden. Der Mann hat mit allen Materialien gespielt und gearbeitet und das gleiche Thema auf verschiedene Arten präsentiert. Am meisten beeindruckt mich seine Fähigkeit zur Reduktion, mit wenigen Strichen das Wesentliche in einem Gesicht, einer Figur zu zeigen. Und ich mag seine Skulpturen …

Inzwischen hat, wie es scheint, das Museum eine neue Leitung bekommen und die versucht, die Ausstellung zeitgemäßer zu präsentieren. Das ist zumindest die Aussage des Videos zur Ausstellungsgestaltung, welches man in der Ausstellung sehen kann. Die Ideen sind ganz nett ( optische Teilung des Hauses durch eine Spiegelwand), aber dafür leidet, m.E., die Chronologie und Übersichtlichkeit der Ausstellung.

Aber es war trotzdem schön, diese Bilder und Skulpturen wieder einmal gesehen zu haben.

So, und nun fahre ich wieder nach Hause.

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2009-03 Washington DC

Lincoln Memorial

Die Stimmung in Washington ist total anders als New York.

Der Bus hält in Chinatown und nur einen Block davon ist das Convention Center (CC), wo wir in den nächsten drei Tagen an einer Konferenz teilnehmen werden. Es liegt unweit der New York Avenue, in der Straße, in der ich auch ein Hotel gebucht habe. Allerdings, das CC liegt im Nordwesten und unser Hotel im Nordosten dieser Straße. Das bedeutet, wir müssen ca. 2 Meilen laufen und nach der langen Busfahrt wollen wir auch laufen. Am Anfang des Weges, wo es noch Fußwege gibt, ist das auch ganz o.k. Aber dann verengen sich die Fußwege zu Trampelpfaden und die Straße wird zu einer vierspurigen Straße. Es ist kalt, wir können unsere Koffer nicht hinter uns her ziehen, sondern müssen sie tragen. Das Hotel liegt auf der anderen Seite der Straße und die Überquerung ist ziemlich gefährlich, es herrscht dichter Feierabendverkehr und es gibt keinen Fußgängerüberweg.

Es ist nicht einfach, ein relativ preisgünstiges Hotel in Washington zu finden und als ich im Internet das Howard Johnson Express Inn gefunden hatte, für immerhin 96 Dollar pro Nacht, war ich eigentlich ganz glücklich. Aber das ist nicht wirklich ein Hotel, es ist mehr ein Motel, so eines, wie man es aus den typischen amerikanischen Roadmovies kennt und ziemlich runtergekommen. Das Zimmer war dafür, dass es direkt an der vierspurigen Straße, relativ ruhig. Naja, man kann hier niemals den Vorhang oder gar das Fenster öffnen, wahrscheinlich hatte auch noch niemals jemand diesen Wunsch, und deshalb war es auch ein ziemlich beklemmendes, muffiges Gefühl. Und es war kalt. Aber wir hatten auch hier eine kombinierte Klima- und Heizungsanlage, die ziemlich lange brauchte, um ein wenig warme Luft zwischen die Pappwände zu bringen.

Eigentlich wollten wir nach der Konferenz noch zwei Tage in Washington verbringen, aber wir beschließen sofort, unseren Flug umzubuchen und eher nach Hause zu fliegen.

Washington ist nicht besonders groß. Es gibt die monumentalen Bauten im Regierungsviertel, monumentale Museen und ebensolche Wohn- und Appartmentanlagen. Am Rande findet man noch die kleinen alten, sehr an England erinnernden Häuser, teilweise sehr schön zurecht gemacht, teilweise total vergammelt. Wir laufen ein bißchen herum, hoffen, ein nettes Restaurant zu finden und stehen plötzlich vor dem Weißen Haus. Es sieht aus wie frisch gewaschen und der Posten, ein paar Meter entfernt von uns, guckt noch nicht mal, als wir am Zaun stehen und ein paar Fotos machen. Es ist alles sehr unspektakulär und ruhig.

Wir gehen zurück zum Hotel, am Gebäude des FBI (ein riesiger Betonbau gegenüber dem Spymuseum) vorbei. Irgendwie hab ich etwas Aufregenderes erwartet, aber nix. Politik ist wahrscheinlich auch nur ein normaler Job und die Leute haben bestimmt Feierabend, ist ja auch schon spät.

Wir finden natürlich kein nettes Restaurant, wir landen, unweit von unserem Hotel bei Wendy’s, wo wir die hausgemachten Burger probieren. Es ist definitiv nicht mein Essen und ich habe erhebliche Schwierigkeiten mit dieser nicht vorhandenen Eßkultur. Aber die Leute sind sehr freundlich.

Am nächsten Tag, es ist inzwischen 16 Grad warm, besuchen wir die wahrscheinlich amerikanischsten Plätze überhaupt. Wir gehen in zur  National Mall, gucken uns das Second World War Memorial an, gehen am Washington Monument vorbei, zum Lincoln Memorial, dem Denkmal, wo Abraham Lincoln in Überlebensgröße, in weißem Mamor gehauen, auf einem Stuhl sitzt. Sehr imposant!

Es wimmelt von Leuten, Familien, Schulklassen, Soldaten, alle strömen zum Monument um sich davor gegenseitig zu fotografieren. Ich gucke diesem Schauspiel eine halbe Stunde fasziniert zu. Die Leute stehen im Halbkreis vor dem riesigen Lincoln Denkmal und warten, bis sie die Chance haben, vorzutreten und ihre Fotos zu machen. Sie sind stolz und glücklich. Eltern und Großeltern erklären ihren Kindern und Enkelkindern, wer hier geehrt wird. Ein sehr junger Soldat in Uniform ist mit seiner Freundin hier und älterer Herr tritt auf ihn zu und bedankt sich bei ihm, dass er im Krieg (Irak?) war.

Die Seitenwände enthalten Inschriften von Reden Lincolns über den Unabhängigkeitskrieg, der diese Nation geeint und stark gemacht hat. Von den Stufen des Memorials gibt es eine Sichtachse zum Capitol hill, unterbrochen auf halber Strecke von dem Washington Memorial.

Nicht weit vom Lincoln Memorial ist das Vietnam Veterans Memorial, ein Denkmal zur Erinnerung an all jene US Soldaten, die im Vietnamkrieg gefallen sind. Es ist eine Granitwand, in der Namen der gefallenen Soldaten eingraviert sind.  Vor der Wand liegen Fotos, Blumen und Briefe. Die Briefe sind von Schülern geschrieben und sie bedanken sich dafür, dass die Soldaten für sie im Krieg waren, für Freiheit und Gerechtigkeit gekämpft haben und dadurch heute ein Leben in Freiheit in den USA möglich ist. Es ist beklemmend und macht mir ein mulmiges Gefühl, als ich den Weg an dieser Wand entlang gehe, auch, weil ich diese Interpretation nicht wirklich nachvollziehen kann. Ich lese ein wenig später folgenden Satz:

A stated goal of the memorial fund was to avoid commentary on the war itself, serving solely as a memorial to those who served. (Ein erklärtes Ziel des Erinnerungsfonds war es, Kommentare über den Krieg als solchen zu vemeiden, sondern nur derer zu gedenken, die in diesem Krieg gedient haben.)

Es gibt natürlich auch zahlreiche Kioske, wo man Erinnerungssticker, Embleme u.d.g.m. kaufen kann. Mit läuft es kalt den Rücken runter, als ich diese Memorabilien sehe.

Dieser Park ist nicht nur ein Platz, um der Nation Erklärung, Hoffnung und eine Mission zu geben, hier gedenkt Amerika seiner Kreigsgefallenen. Hier wird auch der Opfer des Holocaust und des Koreakriegs gedacht.

Ein halbe Stunde Fußweg entfernt, am anderen Ende des Parks ist das Kapitol. Eine nette Abwechslung auf dem Weg dahin der Skulpturengarten der Nationalgalerie.

Das Kapitol auf dem Capitol hill (wie in Rom) ist ein riesiges, imposantes Gebäude, eine perfekte Zurschaustellung von Größe und Macht. Das Gebäude selbst ist ein Mashup aus verschiedenen Baustilen, italienische und französische Bauwerke haben die Architekten sehr beeinflußt.

Seit letztem Jahr gibt es auf der Vorderseite ein unterirdisches Besucherzentrum. Hier sind sehr anschaulich die Geschichte der USA, die Aufgaben und Funktionen von Senat und Kongreß erläutert udn man gelangt auch in die Kongreß Bücherei, wo die Unabhängigkeitserklärung liegt. Man kann auch an Sitzungen des Senats und Kongresses teilnehmen, aber dafür muß man sich mindestens 6 Monate vorher bei seinem Abgeordneten anmelden.

Zurück Richtung Downtown, gehen wir auf der Constitution Avenue, die gesäumt ist von Häusern des Smithsonian Museums, Botschaften und Regierungsgebäuden. Alles sehr monumentale Bauten und irgendwie unpersönlich. Ich habe das Gefühl, dass sich das Leben hier hinter den Kulissen oder unterirdisch (der gesamte Regierungskomplex, vom Kapitol bis zum Weissen Haus ist per Tunnel verbunden) abläuft.

Irgendwie ist Washington mir unheimlich.

Ich krieg die vielen Bilder, die ich von diesem Land habe, noch nicht zu einem für mich schlüssigen Bild zusammen. Freundliche Menschen, teilweise sehr ungebildet, Macht, Geld, Einfluß, hybrides Essen, Armut, ein Mashup europäischer Baustile und Ideen, Moden, Design, Umweltverschmutzung, kriegerisch, keine Eßkultur, großes Land. In einem Reiseführer habe ich gelesen, dass viele Amerikaner sich in New York wie in Europa fühlen (auch wenn sie noch  nie dagewesen sind). NYC  sorg für Dynamik und Auffangstation für Kreative aus Europa und der Welt, Washingto ist Machtzentrum und nationaler Ruhepool?

Am besten lassen sich meine Gedanken mit diesem Satz zusammenfassen, den ich im Besucherzentrum des Kapitol gelesen habe: Amerika is not made. Amerika is being making.

Wir sitzen viereinhalb Stunden auf dem Flughafen, bis unser Flug gecancelt wird. Unser Flugzeug ist beim Rangieren mit einem anderen Flugzeug zusammengestoßen und dabei wurde die Tragfläche beschädigt. Die Fluggesellschaft kommt für alle Aufwendungen auf und bringt alle Fluggäste in Hotels in der Nähe unter. Wir landen im Hyatt, einem Traum in braun und beige und ausgewiesen als Designhotel. Aber die Burger sind lecker 😉

Ich bin sehr glücklich, als wir endlich losfliegen.

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2009-03 New York City

New York

New York, zum ersten Mal. Ich bin sehr aufgeregt und neugierig auf diese Stadt!

Mit einem nagelneuen Airbus flieg ich von Paris nach NYC. Der Flug ist sehr angenehm, auch, weil der der Fieger nur zur Hälfte belegt ist, so dass ich gut schlafen kann.

Wir landen 18.oo Uhr auf dem JFK Airport. Für die Einreise mußte ich schon auf elektronischem Wege ein Visa beantragen und dann nochmal auf dem Airport verschiedene Papiere ausfüllen, meine Fingerabdrücke scannen und ein Paßfoto machen lassen. Aber das geht alles lautlos und sehr schnell. Mir ist zwar ziemlich unwohl dabei, aber ich habe keine andere Chance einzureisen. Naja, mein Weg durch dieses Land wird lückenlos nachvollziehbar sein.

Mit dieser Stadt sind so viele Symbole, Erwartungen, Vorurteile und Zuschreibungen verbunden, aber ich habe überhaupt keine Vorstellungen, was mich hier wirklich erwartet.

Wir kommen spät am Abend an, die Empfangshalle des Flughafenterminals kommt mir sehr klein und ruhig vor, ich hatte irgendwie mehr Trubel und internationales Flair erwartet. Unser Hotel liegt in Queens und es gibt einen Bus dorthin. Im Bus kann man nur mit Münzen bezahlen. Wir haben nur Dollarscheine, aber der Busfahrer winkt uns einfach durch. Wir fahren ca. 10 Minuten über das Fughafengelände bis wir auf der Straße nach Queens sind.

Die Gegend hier ist sehr dunkel, sieht sehr ärmlich, verlassen und ziemlich runtergekommen aus. Ich hoffe sehr, dass ich hier nicht aussteigen muß. Die Leute, die in den  Bus einsteigen entsprechen jedem Klischee, ich komme mir vor, als ob ich live eines dieser Musik Videos sehe.

Meine Nachbarin, total durchgestylt, telefoniert und ißt die ganze Zeit, zwischendrin bearbeitet sie ihre langen, bunten Fingernägel.  Ich frage sie nach der Straße, in der das Hotel liegt, aber sie kann mir leider keine Auskunft geben. Stattdessen steht sie auf und fragt den Busfahrer. Der guckt etwas ungläubig in unsere Richtung, fragt nochmal nach, wo wir hin wollen und bedeutet uns, sitzen zu bleiben, bis er uns ein Zeichen gibt. Also gut, wir werden schon irgendwie ins Hotel kommen. Nach einer ganzen Weile hält der Busfahrer an und bedeutet uns auszusteigen. Die Gegend sieht nicht wirklich vertrauenserweckend aus. Der Busfahrer kann wahrscheinlich meine Gedanken ahnen. Er klopft mir auf die Schulter und erklärt mir, die Gegend ist nicht so toll, die Leute sind o.k. und das Hotel ist erst im letzten Herbst eröffnet worden. Wir sollen nur um die Ecke gehen, dann würden wir das Hotel schon sehen. Und tatsächlich, das Hotel (Ramada, immerhin) ist ein nagelneues Hochhaus, ein Leuchtturm in dieser Gegend. Wir werden sehr freundlich begrüßt und sind froh, endlich da zu sein.

Das Zimmer ist klein, alles nagelneu und das Bett ist riesig. Genauer gesagt, das Bett ist hoch, es hat ein hohes Bettgestell und darauf liegt eine ca. 30 cm hohe Matraze, zusammen ist es ungefähr einen Meter hoch. Ich muß hineinklettern, sehr ungewöhnlich :-). An der Wand ein großer Flachbildschirm, Internet natürlich per WLAN und kostenlos (wie übrigens in der gesamten Stadt!), Kaffeemaschine, Bügeleisen und Bügelbrett. Eine Ausstattung, die jedes Hotel hat, in welchem ich in den nächsten 10 Tagen in den USA übernachten werde.

Es ist Winter in New York, das heißt, es weht ein eisiger Wind und die Temperaturen liegen tagsüber knapp über Null Grad Celsius. Als wir am nächsten Morgen beim “Frühstück” sitzen, kündigt der Wettermann im Fernsehen einen Blizzard und leichten Schneefall für den Abend an. Wir machen uns natürlich darüber lustig und nachdem wir sehr amerikanisch gefrühstückt haben, machen wir uns auf den Weg nach Manhattan. Mit der Subway fahren wir bis zum Rockefeller Center. Das Center ist riesig, wir irren ein wenig umher, treffen auf ganz viele Leute, denn heute, am Sonntag findet der “Climb to the top” statt, ein Wettbewerb, den der gewinnt, der es am schnellsten zu Fuß bis nach ganz oben schafft. Vor dem Center ist eine Eislaufbahn aufgebaut und es wimmelt von Leuten, die in eisiger Kälte Schlittschuh laufen. Mir ist, als ob ich diese Szenen schon hundertmal gesehen habe, in irgendwelchen Filmen, aber es ist doch ganz anders. Breite Straßen, gesäumt von riesigen Häusern, die teilweise in den Himmel ragen und die eine Art Windkanal bilden. Es ist zeitiger Sonntagmorgen und daher noch relativ wenige Menschen unterwegs. Wir laufen vom Rockefeller Center zur Central Station, nebenan zum Chrysler Building (reinstes Art Déco, mein Lieblingsbauwerk in NYC), zur UNO (an diesem Tag leider für Besucher geschlossen), zurück via Tudorcity zur Central Station, um uns aufzuwärmen.

Die Central Station ist ein grandioses Art Déco Bauwerk, mit einer Markthalle (Food Court – hier gibt es alle Leckereien aus der ganzen Welt) im Untergeschoß und feinen Restaurants in den Seitenflügeln (Michael Jordan‘s Steakhouse), privaten Clubs und der großartigen Kulisse der Central Hall. Wenn man von dieser Halle auf die Bahnsteige geht, ist das wie ein Zeitflash. Man befindet sich unmittelbar im Zeitalter der Erfindung der Eisenbahn, nix mehr zu sehen vom Glanz des Art Déco Bauwerks, nur noch rauhe, kalte, graue und ein wenig verlotterte Bahnsteige.

Wir gehen weiter Richtung Empire State Building, gucken in ein paar Seitenstraßen, sehen dort wunderschöne, etwa hundert Jahre alte Häuser, hinter denen neue, moderne Hochäuser stehen. Es sieht aus, als ob die neuen Häuser die alten stützen. Es ist eine Mischung aus Prunk, Macht und Energie.

Das Empire State Building wurde in den letzten Jahren vollständig renoviert. Das Gebäude wurde zwischen 1930/1931, in nur 17 Monaten Bauzeit errichtet, die Bilder des Baus gingen um die Welt. Es ist einfach eine Pracht, man MUSS es besuchen (King Kong war auch dort ;-). Auch wenn die Touristen hier Schlange stehen, wer nicht auf der Aussichtplattform war, war nicht in New York. Schon der Weg hinauf ist aufregend, innerhalb von 45 Sekunden ist man in 60. Etage, dort steigt man um in einen anderen Aufzug und fährt bis zur 84 Etage zur Aussichtsplattform. Die Aussicht ist atemberaubend.

Es ist zwar sehr kalt und das Wetter ein wenig diesig, aber trotzdem, ich bin total fasziniert. New York wird oft verbunden mit Macht, Geld, Einluß, Stil, Kunst, Trends, Hektik, Glamour, einer gewissen Paranoia, Intelligenz, Multikulti und der “vom Tellerwäscher zum Millionär” Story. Diese Stadt hat von allem etwas, aber sie ist auch eine Stadt, wo sehr viel gearbeitet wird, eine Stadt, die sich permanent zu verändern scheint, eine Stadt mit einem riesigen Umweltproblem, eine Stadt, die jedem die Möglichkeit gibt, etwas zu machen, zu unternehmen, Unternehmer zu werden und wenn man erfolgreich ist, wird man gefeiert, zumindest für den Augenblick. Und die Leute sind überaus freundlich, offen, hilfsbereit und sehr pragmatisch.

Wir laufen weiter, die berühmte 5th Avenue entlang, den Broadway, durch little Italy, streifen Chinatown bis wir schließlich im Financial District ankommen und vor der New Yorker Börse stehen, auf die die gesamte Welt derzeit mit Hoffnung, Angst und Argwohn schaut. Natürlich, wir gehen zum Ground Zero und nach einem Tag herumlaufen in dieser Stadt, verstehe ich noch viel weniger, was Menschen dazu brachte, diese Zerstörung anzurichten. Ich kann mir jetzt aber die viel zitierte Hilfsbereitschaft und die zum Heldentum stilisierte Aufopferung der Feuerwehrleute New Yorks in dieser Situation vorstellen.

Ach ja, die Feuerwehr. Überall in der Stadt, vor jedem Gebäude findet man wahnwitzige Hydrantenanschlüsse für die  Feuerwehr. Mindestens 5 mal täglich sieht man eine Feuerwehr mit allem, was leuchten und Krach machen kann und wehender US-Flagge durch die Straßen fahren. Egal, wo man gerade ist. Ich habe nie einen Brand gesehen.

(Mein Hotelzimmer hier in Washington ist ca. 15 Quadratmeter groß und hat 2 Rauchmelder im Zimmer, zwei im Bad und einen im Kleiderschrank.)

Wir beenden den Tag am Pier 17, am Ufer der Brooklyn Bridge. Es ist inzwischen dunkel, die Stadt ist erleuchtet, es wuselt und wimmelt, New York scheint wirklich nie zu schlafen.

Wir fahren mit der Subway zum Hotel zurück und als wir nach einer Stunde aussteigen, fängt es tatsächlich an zu schneien.

In unserem Zimmer ist es eiskalt. Der Wind pfeift durch das Fenster herein, die Wände sind nicht isoliert, ich bin beinahe tiefgefroren. Wir drehen die kombinierte Klima- und Heizungsanlage voll auf. Wirklich regulieren kann man hier nix, entweder voll auf oder zu, egal ob Warmwasser oder Heizung. Das wäre ein großer Markt für energiesparendes Bauen!

Am nächsten Morgen liegt New York unter einer dreißig Zentimeter dicken Schneedecke begraben und ist kurz davor, den nationalen Notstand auszurufen. Es sind 12 Grad unter Null und es weht ein eisiger Wind. Der angekündigte Blizzard ist da. Die New Yorker Schulen bleiben geschlossen, im Foyer des Hotels herrscht Panik und jeder schaufelt eimerweise Tausalz vor die Türen. Beinahe jedes kommunale Fahrzeug hat eine Schaufel am Bug um den Schnee von der Straße zu räumen. Alle sind hoffnungslos überfordert. Für europäische Verhältnisse ist es ein ganz normaler Wintertag.

Wir gehen ins MoMa, das Museum of Modern Art. Es liegt in der 5th Avenue und wir müssen uns nicht anstrengen, den ganzen Tag darin zu verbringen. Es ist so wunderbar inspirierend, kreativ, offen, total abgedreht, nett, Internet überall, Fotografieren erwünscht. Nach 7 Stunden verlassen wir das Museum und haben es gerade so geschafft, uns alles anzuschauen.

Leider haben wir keine Zeit mehr, ins Guggenheim Museum zu gehen, denn wir fahren am nächsten Tag nach Washington.

Das Guggenheim Museum guck ich mir beim nächsten Besuch an, auch die UNO und den Times Square, und dann gehe ich in die MET und in den Central Park.

Eine tolle Stadt!

Wir nehmen den Bus nach Washington DC, weil wir so mehr von der Umgebung sehen. Die Abfahrt ist in Chinatown. In einem kahlen Gebäude sitzt ein Chinese hinter einer Glaswand, kaut an einem Burger und verkauft die Tickets, nur gegen Cash, versteht sich. Für 20 Dollar pro Person fahren wir von NYC nach Washington DC. Die Busfahrerin, eine kleine, drahtige und sehr energische Frau hat einen rasanten Fahrstil. Der Bus ist nur mäßig besetzt, warm und komfortabel.

Wir brauchen eine halbe Stunde, bis wir die Stadt verlassen haben und fahren eine weitere halbe Stunde an Kraftwerksanlagen, riesigen Kohlehalden und Tanklagern vorbei. Die Kraftwerke sind in Dampfwolken eingehüllt, das gesamte Gelände sieht aus wie bei Jules Verne, zumindest erinnert nichts an das angeblich reichste Land der Welt, wenn man hier durchfährt. Es ist eine riesige Energievernichtungsmaschinerie. Ich bin mir sicher, wenn man das hier alles modernisieren, die Gebäude isolieren und energetisch optimieren würde und statt Plastikgeschirr in den Hotels, Restaurants, Imbissbuden, Diner’s richtiges Geschirr verwenden würde, Amerika (und die Welt) hätten kein solches Energieproblem. Ich bin fassunglos ob dieser Verschwendung auf Kosten anderer Menschen und der Natur.

Irgendwann kommen wir in Philadelphia an, wo wir den Bus wechseln müssen. Die Silhouette der Stadt sieht wirklich aus wie im gleichnamigen Film, die Vororte und Industrieanlagen auch.

Der Bus, in den wir umsteigen müssen, ist knackevoll, das Klo auch und ist irgendwie übergelaufen. Der Bus ist total beheizt, es stinkt erbärmlich, in den hinteren Reihen haben sich die Fahrgäste Tücher vor die Nase gebunden. Das mache ich auch bald während wir so auf den scheinbar endlosen Highways weiterfahren, schlafe ich ein und wache erst am Ortseingang von Washington DC wieder auf.

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2009-02 Fano, Italien

Fano

Ich fliege nach Bologna, von dort fahre ich mit dem Zug weiter nach Fano, einer Kleinstadt in der Marche Region, die zur Provinz Pesaro und Urbino gehört.

Fano liegt an der Adria, das alte Stadtzentrum liegt etwas abseits der Küste, eingeschlossen von einer noch teilweise erhaltenen Stadtmauer. Direkt an der Küste reiht sich ein Hotel ans andere, der Strand ist schmal und nicht eben besonders weitläufig. In der zweiten Reihe stehen noch einige schöne alte Villen, mit großen, parkähnlichen Gärten, dazwischen jede Menge Appartmentanlagen.

Italiener aus der gehobenen Mittelklasse machen hier Urlaub bzw. verbringen hier den Winter. Die Altstadt ist schön, mit verwinkelten Gassen, unzähligen Restaurants und Boutiquen. Die Römer haben sie gebaut, es gibt noch den Arche de Augustus, einen kleinen Triumphbogen aus römischer Zeit und davor steht ein Denkmal des Kaisers.

Es ist beinahe völlig egal, wo man ißt, das Essen ist überall lecker. Einzig mit dem kühlen italienischen Design habe ich gelegentlich meine Schwierigkeiten. Viel Weiß, viele Fliesen, viel Neonlicht, nicht eben romantisch.

Ich war schon öfters hier, seit mehreren Jahren arbeite ich mit einem Schulungsunternehmen aus der Region zusammen. Allerdings hatte ich bisher kaum Gelegenheit etwas von der Gegend kennenzulernen. Wir haben intensiv gestritten, diskutiert und gearbeitet, so manch neue Idee entwickelt und realisiert und, ganz wunderbar, mittlerweile benutzen sie in diesem Unternehmen open source Software, wie open office, Joomla, Drupal und Moodle. Ergebnis meines 5jährigen viralen Marketings 😉

Diesmal besuchen wir gemeinsam lokale Unternehmer, zumeist kleine Familienbetriebe, beispielsweise in Fossombrone.

Fossombrone war mal das Zentrum der italienischen Textilproduktion. Armani, Boos, Ungaro u.a. haben hier fertigen lassen. Heute werden  hier noch das Design und die Technologien für die Stoffveredelung und Schnitttechnik entwickelt, die Produktion findet in Rumänien, Albanien und Bulgarien statt.

Aber die Geschichte ist noch viel komplizierter. Als die italienischen Textilunternehmen in den achtziger Jahren anfingen, ihre Produktion in das billigere Ausland zu verlagern, haben Tausende ihren Arbeitsplatz verloren. Eine Tradition ging zu Ende, junge, gut ausgebildete Leute verließen die Region um anderswo Arbeit zu finden.

Dann kamen Ende der neunziger Jahre die Chinesen.

Die italiniesche Regierung hat mit der chinesischen Regierung ein Wirtschaftsabkommen geschlossen. Italienischen Firmen wurde darin der Zutritt zum chinesischen Markt versprochen, im Gegenzug durfte eine bestimmte Anzahl Chinesen in Italien leben und arbeiten. Die Chinesen haben sich das Wissen italienischer Spezialisten aus der Textilindustrie angeeignet und begonnen, die italienischen Textilfabriken wieder zu öffnen. Dort sind sehr wenige Italiener und sehr viele Chinesen beschäftigt. Dahinter steckt so etwas wie ein moderner Sklavenmarkt. In China ansässige “Unternehmen” vermitteln Praktika, Ausbildungs- und Arbeitsplätze nach Italien. Für viele Familien ist das oft der einzige Weg, ihren Kindern, zumeist ihren Töchtern, eine moderne Ausbildung und ein besseres Leben zu bieten. Weil sie kein Geld haben, die Kosten für den Aufenthalt zu zahlen, verkaufen sie ihre Töchter, aber nicht  gegen Geld. Die Mädchen, im Alter zwischen 16-18 Jahren, müssen für mindestens ein Jahr unentgeltlich in den italienischen Fabriken arbeiten. Sie stehen unter permanenter Aufsicht, sind meist zu mehreren in einem Zimmer untergebracht, haben keine Papiere, können die Sprache nicht. Selbstredend haben sie keine 40 Stunden Woche, die Arbeitszeit liegt schätzungsweise doppelt so hoch.  Es ist kaum möglich, den rechtlichen Status der Frauen und Mädchen zu kontrollieren. Es wird auf einen Namen eine Aufenthaltsgenehmigung beantragt und die wird dann für mehrere Personen hintereinander genutzt. Geht jemand zurück nach China oder stirbt jemand, wird das nicht gemeldet, sondern der Platz wird neu vergeben.

Meine Kollegen erzählen mir, dass sie seit einigen Jahren Sprachkurse für chinesische Migranten anbieten und niemals kommt eine Person öfter als zwei-dreimal zum Kurs, die Teilnehmer wechseln ständig. Es gibt offizielle Fabriken und geheime. Die offiziellen werden natürlich von den lokalen Behörden kontrolliert, die geheimen naturgemäß nicht. Die Profite der Betreiber sind immens, die Strukturen mafiös, die Möglichkeiten einzugreifen aus verschiedenen Gründen relativ gering. Die italienische Polizei und die Steuerbehörden sind unterbesetzt und es gibt kaum jemanden, der freiwillig Aussagen zu Protokoll gibt.

Fossombrone hat aber seit einigen Jahren noch ein anderes Problem. Dort hat die italienische Regierung ein Hochsicherheitsgefängnis errichtet, in dem Mitglieder der Mafia aus de Süden des Landes einsitzen. Die Familien sind den Inhaftierten gefolgt und leben nun in dieser Stadt. Das bringt nicht nur das soziale Leben in der Stadt durcheinander, die Kriminalität steigt an, die Schulen bekommen immer mehr Probleme mit agressiven Schülern, denen kaum beizukommen ist, weil die Lehrer auf sublime Weise eingeschüchtert werden.

Als ich diese Geschichten höre, weiß ich überhaupt nicht, was ich sagen soll. Vor einigen Wochen habe ich den Film “Gomorrah” gesehen und ich lese gerade das Buch, auf dem dieser Film basiert. Meine italienischen Kollegen lachen und schütteln mit dem Kopf, als ich sie frage, ob sie den Film gesehen oder das Buch gelesen haben.

Die Antwort ist:

Das müssen wir nicht, wir wissen genau, wie die Mafia funktioniert. Einerseits ist es gut, dass jemand das aufgeschrieben hat, aber derjenige wird nicht überleben. Und was jetzt? Es gibt nicht wirklich einen Ausweg. Diese Leute sind überall, nicht mitmachen ist genauso gefährlich wie mitspielen, es ist ein Drahtseilakt und oft merken die Menschen gar nicht, dass sie mit der Mafia zu tun haben.

Wir fahren weiter nach St. Angelo de Vado, besuchen dort ein Familienunternehmen. Die Landschaft ist wunderschön, die Familie bewirtschaftet 40 Hektar Wald, schlägt Holz, produziert Holzkohle, verkauft beides und bewirtschaftet einen alten Hof. Die regionale Regierung hat vor einigen Jahren ein Programm zur Entwicklung des ländlichen Tourismus aufgelegt, welches die Revitalisierung solcher Höfe einschließt. Die Familie hat das alte Gebäude sehr stilecht restauriert und vermietet Zimmer und Appartements an Touristen. Stilecht restauriert meint, dass sie die alten, traditionellen Materialien verwendet haben und so alte Handwerkstechniken vorm Aussterben bewahren. Alte, ortsansässige Handwerker haben ihr Wissen weitergegeben und auf diese Weise haben sich auch die sozialen Strukturen im Dorf weiterentwickelt. Natürlich werden den Gästen traditionelle Gerichte vorgesetzt. Die Zutaten kommen aus der Umgebung und werden zumeist auf biologische Weise produziert. Nach diesem Essen bin ich bereit jeden Vertrag zu unterschreiben.

Anschließend besichtigen wir noch die Mosaiken aus dem 1. Jahrhundert n.C., die man vor ein paar Jahren bei der Erschließung eines Ackers für ein Wohnungsbauvorhaben entdeckt hat. Die Mosaiken waren nur mit einem Meter Erde bedeckt und sind ausgesprochen gut erhalten. Natürlich werden auf dem Feld nun keine Wohnungen mehr gebaut. Die Stadt hat ein Freilichtmuseum eingerichtet, der Eigentümer wurde entschädigt.

Ich lerne auch einen Trüffelbauern kennen, denn in dieser Region gibt es Trüffel. Es ist ein sehr hartes Geschäft, abhängig vom Wetter wachsen viele oder wenige Trüffel, in guter oder minderer Qualität. Erntezeit ist von Ende September bis Ende Dezember. Für Trüffel von durchschnittlicher Qualität bekommen sie, je nach Größe, zwischen 150 und 700 Euro per Kilo.

Außerordentliche Qualtitäten, oder gar weiße Trüffel erzielen Marktpreise von bis zu 4000 Euro pro Kilo.

Das Land ist aufgeteilt zwischen zwei alten Familien, die sich gegenseitig respektieren und auf diese Weise gut zurecht kommen.  Die Trüffel werden mit Hunden aufgespürt. Die Ausbildung eines Hundes braucht mehrere Jahre und ist sehr aufwendig. Entsprechend teuer sind diese Hunde. Hat man sich eine gute Reputation als Züchter aufgebaut, dann zahlen die Trüffelsucher um die 800 Euro pro Hund.

Auch hier versuchen Chinesen auf den Markt zu drängen. Es werden tonnenweise Trüffel aus chinesischer Produktion und in minderer Qualität eingeschmuggelt und versucht, auf den Märkten zu verkaufen. Es gibt genügend ahnungslose Käufer, die sich freuen, ein paar Trüffel zum Schnäppchenpreis zu kaufen.

Und dann sind da noch die Hunde. Sie werden vergiftet. Alle glauben, dass chinesische Banden dahinter stecken, aber das zu beweisen ist nicht immer einfach. Ich treffe einen anderen Trüffelbauern, dessen vier Hunde mitten in der Saison vergiftet worden sind. Damit haben er und seine Söhne und somit die gesamte Familie seit drei Monaten kein Einkommen mehr. Die einheimischen Familien helfen sich zwar gegenseitig, aber die Situation ist sehr schwierig.

In der Marche Region sind auch die Firmen ansässig, die die Maschinen bauen, mit denen hier wunderschönen italienischen Designerküchen hergestellt werden. Ich hab natürlich auf Anhieb meine Traumküche gefunden, allerdings gar nicht erst nach dem Preis gefragt.

Momentan haben diese kleinen Firmen ziemliche Probleme, die Aufträge sind in den letzten beiden Monaten um beinahe 60% zurückgegangen. Sie arbeiten oft mit größeren Unternehmen zusammen und deren Aufträge sind nahezu ausgeblieben bzw. gelieferte Waren wurden nicht bezahlt. Die Banken haben den größeren Unternehmen die Kredite gestrichen, diese sind dadurch nahezu handlungsunfähig und die Neurordnung der Kreditvereinbarungen braucht Zeit. Eine solche Situation kann ein Familienbetrieb mit 30-40 Angestellten nicht viel länger als 2, 3 Monate überbrücken, dann muß er seine Arbeit einstellen. Um eine größflächige Schließung von Unternehmen zu vermeiden, haben sich Unternehmer, Gewerkschaften und Politik darauf geeinigt, die Arbeit in der ersten Woche eines Monats ruhen zu lassen und den restlichen Monat verkürzt zu arbeiten. Das Land zahlt den Arbeitern den Lohnausfall. Diese Vereinbarung ist begrenzt auf 6 Monate und alle hoffen, dass dann die größten Probleme überwunden sind.

Natürlich wird auch auf dem Karneval des Unternehmerverbandes, zu dem wir eingeladen sind,  über die Lage der Wirtschaft in der Region diskutiert. Aber trotz dieser gravierenden Probleme sind viele Unternehmer optimistisch, dass sie sich aus dieser Situation befreien können.

Es gibt noch viel zu tun, nur wenige Unternehmen nutzen das Internet als Marketinginstrument, noch weniger können sich vorstellen,  dass man damit auch sein Geschäft ankurbeln kann.

Ich war ganz sicher nicht zum letzten Mal in dieser Region …

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2008-11 Ljubljana, Slowenien

Ljubljana, Slowenien

Slovenien ist ein weißer Fleck für mich.

Außer, dass dieses Land 2 Millionen Einwohner hat, an Österreich, Italien, Ungarn und Kroatien grenzt, und 1991 seine Unabhängigkeit vom ehemaligen Jugoslawien erklärt hat, weiß ich nicht wirklich etwas über diesen Flecken Europas.

Meine slowenische Kollegin erzählt mir, dass die Slowenen schon immer den größten Anteil zum Bruttosozialprodukt Jugoslawiens beigetragen haben und irgendwann die Nase voll hatten von der zentralen Verteilung der Güter und des Geldes durch Belgrad. Sie erklärten ihre Unabhängigkeit und führten demokratische Wahlen durch. Die jugoslawische Zentralregierung schickte daraufhin Truppen nach Slowenien, es begann der 10-Tage-Krieg. Plötzlich standen sich besonders im Norden des Landes, an der Grenze zu Österreich, Nachbarn als Feinde gegenüber, die bisher friedlich zusammengelebt hatten. Nach dem Ende des Krieges haben viele Kroaten, Bosnier und Serben ihre slowenischen Heimatdörfer verlassen, einige sind geblieben und leben heute wieder mit ihren Nachbarn, so wie früher.

Ljubljana ist schön. Die Stadt wurde nach einem Brand im 19.Jahrhundert wieder aufgebaut. Die damals im (barocken) Jugendstil neu erbauten Häuser strahlen heute im neuen Glanz. Es ist eine Pracht!  Fast die gesamte Altstadt ist vollständig im Stil jener Zeit erhalten. Es ist eine Mischung aus viel Österreich, ein wenig Italien und etwas  anderem, etwas Fremden, was ich nicht wirklich deuten kann.

Es fällt mir schwer, so etwas wie eine slowenische Identität zu finden. In den Restaurants gibt es eine Mischung aus italienischen und österreichischen Speisen, die Häuser erinnern sehr an Österreich. Die Menschen sprechen mehrere Sprachen, je nach Grenznähe slowenisch und deutsch oder slowenisch und italienisch. Beinahe jeder spricht englisch.

Alles macht einen sehr gut situierten, netten, zufriedenen Eindruck. Das durchschnittliche Einkommen liegt (nach Aussagen von den , Taxifahrern, Lehrern, Ingenieuren und Hotelangestellten, die ich gefragt habe) bei 800 Euro. Das ist bei vergleichsweise ähnlichen Preisen für Mieten, Energie, Pkws wie im “alten” Europa natürlich ziemlich wenig, aber dennoch haben heute viele einen höheren Lebensstandard als vor dem Beitritt zur EU. Einzig, die Sicherheit wie zu Titos Zeiten ist weggefallen, und der trauern doch einige hinterher.

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2008-11 Velenje, Slowenien

2008-11 Meeting Velenje, Slovenia

Ich beginne ein neues Projekt, das erste Meeting findet in Velenje statt. Ich lande in Ljubljana, fahre mit dem Taxi vom Airport zum Bahnhof – teuer, aber sehr unterhaltsamer, fließend englisch sprechender Geschäftsmann. Vom hier fahre ich weiter mit dem Bus.

Velenje liegt ungefähr 80 Kilometer nördlich von Ljubljana. Diese Stadt wurde ab Ende der 50iger Jahre neu erbaut. Vorher gab es dort nur eine Burg und ein paar Häuser drumherum. Aber unter der Erde war Kohle, viel Kohle. Um die Kohle abzubauen, brauchte man Arbeiter. Also starteten die Behörden eine Kampagne und zogen durch die Lande, um Arbeiter für den Untertagebau zu gewinnen.

Die Arbeiter, die sich bereit erklärten, mit ihren Familien nach Velenje zu kommen, brauchten natürlich Wohnungen. Der Staat stellte Flächen rund um den alten Dorfkern zur Verfügung und in ihrer Freizeit bauten die Arbeiter Häuser. Es entstand eine Stadt für 30000 Menschen, ein sozialistischer Traum in Beton. Tito, der damalige Präsident hat Velenje gern als sozialistisches Prestigeprojekt seinen Kollegen aus anderen Staaten präsentiert. Die Stadt hieß damals auch Titowo Velenje.

Heute wird in Velenje noch immer Kohle für die Energiegewinnung des Großraums Velenje abgebaut. Allerdings hat sich die Technologie sehr verändert. Man sieht nix mehr von diesem schmutzigen Prozeß. Sehr anschaulich und hautnah kann man übrigens im Bergbaumuseum Velenje sehen, wie früher und heute die Kohle dort abgebaut wurde bzw. wird. Dieses Museum wurde in 2001 als eines der besten europäischen Museen ausgezeichnet.

Ein anderes, sehr beeindruckendes Museum befindet sich in der Burg von Velenje. Beeindruckend deshalb, weil es eine sehr illustre Sammlung beherbergt. Dort findet man die Privatsammlung afrikanischer Masken, Waffen, Instrumente und Alltagsgegestände des tschechischen Bildhauers Frantisek Foit, die einzigartig in Slovenien ist. Ebenfalls beheimatet sind dort Sammlungen zur Kirchengeschichte, zur Geschichte der Region, aus Ägypten und prähistorische Funde von Mastodonten aus der Region.

Nicht nur die schiere Menge an Ausstellungsstücken ist beeindruckend, sondern vorallem, mit welcher Leidenschaft, Sachkunde und Energie der Museumsführer diese Stücke präsentiert! Ich könnte hier locker 2-3 Tage verbringen.

In der ganzen Stadt gibt es übrigens Wireless Internet Zugang, kostenlos.

Es gibt hier auch ein Lern- und Weiterbildungscenter. Hier kann man Kurse absolvieren und sich kostenlos über seine Möglichkeiten zur Aus- und Weiterbildung beraten lassen. Manche Kurse kosten nichts, wie beispielsweise Schulabschlüsse, die jemand nachholen möchte, andere Weiterbildungsangebote kosten Geld. Die Kunden sind zu zwei Drittel Erwachsene, die einen Job haben und sich qualifizieren wollen. Sie zahlen selbst!

Die Arbeitslosenquote ist verschwindend niedrig, Hauptarbeitgeber ist nach wie vor die Kohle, eine große Baufirma oder Gorenje.

Irgendwie scheint es hier allen gut zu gehen.

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2008-11 Helsinki, Finnland

Helsinki

Ich bin für vier Tage in Helsinki. Das gleiche Wetter wie in Stockholm, grau, kalt und Regen.

Aber die Menschen, die sind anders!
Ich stehe buchstäblich im Regen versuche mein Hotel auf dem Stadtplan zu finden. Jemand fragt mich, wo ich hin will und erklärt mir den Weg. Sooft ich unterwegs anhalte um auf meinen Stadtplan zu schauen, hilft mir ungefragt jemand weiter. Im Hotel angekommen, bietet der Concierge mir sofort einen Kaffee an und läßt meinen Koffer aus Zimmer bringen.

Ich muß arbeiten, von morgens bis abends, deshalb habe ich in den nächsten drei Tagen nur wenig Zeit, um mir Helsinki anzuschauen.

Am Abend des zweiten Arbeitstages habe 90 Minuten Zeit für mich. Ich könnte in ein sehr altes, berühmtes Frauenbad in die Sauna und Schwimmen gehen oder einfach durch die Stadt laufen. Ich entscheide mich für die Stadt. Nach Stunden Arbeit am Schreibtisch brauche ich dringend frische Luft und außerdem hat es aufgehört zu regnen.

Ich laufe die Esplanade Richtung Hafen entlang, vorbei an den prächtigen, beleuchteten Häusern im Stil der Neo-Renaissance. Hier logieren alle bekannten Designer Labels, Banken, Notare und Beratungsfirmen. Das ist die Flaniermeile der Stadt, besonders im Sommer herrscht hier reges Treiben. Inzwischen hat es wieder angefangen zu regnen und ich suche Zuflucht im Ittaala Designer Shop und bin entschlossen, mir ein paar von den kleinen, aus dicken Glas hergestellten Windlichtern zu kaufen. Ich stelle mir eine Auswahl zusammen und guck erst dann, was diese kleinen Dinger kosten. Der Preis läßt mich tief Luft holen: 30 Euro das Stück! Das ist mir ehrlich zu viel für ein bißchen Glas (aber schön ist es!) und stelle meine Auswahl von 9 Windlichtern wieder zurück.

Am dritten Tag beenden wir unsere Arbeit schon am Nachmittag und machen eine Stadtrundfahrt. Es ist 15.30 Uhr und dämmert schon. Ich höre mehr den Erklärungen der Stadtführerin zu als dass ich etwas sehe. Sie erzählt so begeistert und enthusiastisch von ihrer Stadt, von ihrem Land. Ich frag sie, woher eigentlich das Faible für Design kommt und sie erzählt, das finnische Künstler und Handwerker auf der Weltausstellung in 1900 in Paris ausgestellt haben, obwohl sie damals kein eigenständiger Staat waren sondern von Rußland besetzt. Die Ausstellung hat große Aufmerksamkeit erregt und fortan wurde Design zu einem Instrument, die eigene Identität zu finden und zu bewahren. In den dreißiger Jahres des 19. Jahrhunderts wurden erste Designschulen gegründet und der Architekt und Designer Alvar Alto hat für die Modernisierung nicht nur der finnischen, sondern der skandinavischen Architekur gesorgt. Er war der erste, der Holz in feine Scheiben schnitt, erwärmte, bog und Schicht für Schicht wieder zusammenleimte. Dadurch konnte er Gebrauchsmöbel von hoher Stabilität herstellen. Alvar Alto Möbel finden sich heute in beinahe jedem (alten) Hausrat, zur Zeit der Anschaffung modern und billig, heute modern und teuer.
Wir steigen an der Felsenkirche aus, und genießen dort für einige Minuten ein Orgelkonzert. Die Kirche ist in den sechziger Jahren des 20.Jahrhunderts in einen Granitfelsen hineingebaut worden. Zur damaligen Zeit galt dieses Projekt als Größenwahn der Architekten, heute ist es ein sehr beliebter Ort für Konzerte. Das Kuppeldach ist von innen mit Kupfer verkleidet, der Granitfelsen ist roh und und ungeschliffen und schimmert in allen Farben.
Tolle Atmosphäre!
Meine rumänische Kollegin trifft in der Kirche Ion Iliescu, er war der erste demokratisch gewählte Präsident Rumäniens. Sie ist völlig begeistert, dass sie sich mit ihm unterhalten konnte, denn sie bewundert ihn sehr. Er macht Urlaub mit seiner Frau in Finnland, nur ein Bodygard steht neben den beiden. Unsere Reisefüherin erzählt, dass die finnische Präsidentin Tarja Halonen (und andere Regierungsangehörige) ganz normal, wie alle anderen im Supermarkt einkaufen gehen, ohne großes Aufgebot an Sicherheitspersonal. In den letzten Jahren hat sich der Politikstil mit dem Einzug jüngerer Menschen in die Politik geändert. Diese haben eine zumeist internationale Ausbildung erfahren und Erfahrungen in ganz “normalen” Berufen gesammelt und sind eher praktisch und lösungsorientiert veranlagt. Klingt sehr sympatisch!
Wir machen Halt am Sibelius Denkmal. Eila Hiltunen, eine finnische Bildhauerin, schuf dieses Denkmal 1967 aus rostfreien Stahl. Sie gab ihm den Namen “Passion of Music”. Es ist dunkel, das Denkmal wird ein wenig angestrahlt und es sieht aus, als ob es schwebt. Ich hätte nicht gedacht, dass es möglich ist, die Liebe, die Leidenschaft zur Musik in einem Denkmal auszudrücken. Aber hier, hier höre ich Musik. Dieses Denkmal war anders, als alle Musikerdenkmäler bevor, sehr umstritten und die Künstlerin vielen Anfeindungen ausgesetzt. Erst am Ende ihres Lebens wurde sie auch von ihren Landsleuten als Künstlerin anerkannt.
Der Abend endet in einem Restaurant das wie ein Logger Wohnhaus eingerichtet ist. Es ist eine Hommage an die Arbeiter in der finnischen Holzindustrie. Wir sitzen an uralten Tischen auf uralten (wackeligen) Stühlen. Die Tische sind mit altem Geschirr eingedeckt und zur Begrüßung gibt es erstmal trockenes Brot und Wodka aus dem Blechnapf. Das Essen, traditionelle, finnische Spezialitäten von Hering bis Elch ist lecker!
Ich esse erst am Nachmittag des nächsten Tages, zu Hause, wieder etwas (was auch daran liegt, dass ich bereits 4.00 Uhr aufstehen muß um nach Hause zu fliegen und erst 13.00 dort ankomme).

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2008-11 Stockholm, Schweden

Stockholm

Zwischen zwei Projektmeetings in Schweden und Finnland habe ich einen freien Tag in Stockholm. O.k., Stockholm im November ist nicht wirklich ein Traumziel, es wird niemals hell, es regnet beinahe ununterbrochen und es ist kalt. Dennoch, ich mache mich relativ zeitig morgens auf den Weg, um die Stadt zu erkunden. Mein Hotel liegt zentrumsnah und es ist einigermaßen erschwinglich, aber es ist wie in allen Großstädten, man bezahlt viel für ein paar Stunden Schlaf.

Ich nehm die Metro nach Gamla Stan dem alten Stockholm. Die Straßen sind noch wie ausgestorben, ich genieße es allein in den alten, schmalen Gassen herum zu schlendern. Die alten Häuser sind rot, gelb, braun, orange, grün und weiß, bunte Farbkleckse in all der Dunkelheit. Natürlich finde ich auf Anhieb das Antiquitätenviertel, dafür brauch ich keinen Stadtplan, ich “rieche” das. Es gibt hier diese wunderschönen Kristallüster aus der gustavianischen Zeit, die im Original beinahe unbezahlbar sind. Aber es gibt auch spätere Exemplare, die nicht weniger schön und durchaus erschwinglich sind.

Ich fachsimple ein wenig mit dem Besitzer des Lädchens,schließlich habe ich mal mit antiken Lampen gehandelt. Er erklärt mir jedes Detail an diesen Prachtexemplaren und dann zeigt mir noch das Erdgeschoss des Hauses. Das Haus ist aus dem 17. Jahrhundert, der Besitzer hat die alten Balken, den originalen Fußboden und die alte Feuerstelle freigelegt. Es sieht natürlich alles sehr kuschelig aus, aber wenn ich mir vorstelle, wie die Leute früher hier gelebt haben, dann war das doch sehr klein, eng, kalt und ärmlich. Hier haben bestimmt keine wohlhabenden Leute gewohnt.

Der Antiquitätenhändler empfiehlt mir noch die Konditorei Sundberg, das älteste Cafe der Stadt. Ich bedanke mich und laufe weiter durch die Gassen Richtung Schloß. Hier werden die Häuser prächtiger, mit großen, prächtigen Eingängen. Ich bin fasziniert von diesen wunderschönen Türen und versuche Fotos davon zu machen, was nicht einfach ist, denn es ist relativ dunkel und die Gassen sind teilweise sehr eng. Ich laufe weiter durch die Straßen, vorbei an der Schwedischen Akademie der Wissenschaften hinüber zum Schloß. Denn von dort tönt Musik durch die Altstadt. Die große Wachablösung, die jeden Mittag 12.00 Uhr stattfindet, hat gerade begonnen und ein paar Schaulustige stehen im Halbkreis auf dem Schloßplatz. Das Army Drum Corps spielt die übliche Militärmusik, ein paar Wachen exerzieren und plötzlich, ich traue meinen Ohren kaum, spielen sie Dancing Queen, Money, Money, Money und Waterloo, danach noch ein wenig Swing und Rock’n Roll, die Zuschauer sind begeistert.

Inzwischen bin ich total durchgefroren, denn es weht ein eisiger Wind. Zeit für das Cafe! Es ist wirklich schön, das Interieur ist zwar nicht mehr vollständig original aus dem 18. Jahrhundert, aber das Cafe verströmt noch viel von dem Charme dieser Zeit und läßt die alte Pracht ahnen. Die heiße Schokolade ist die Beste, die ich seit langem getrunken habe und das Kuchenbuffet sieht derartig verlockend aus, dass ich es, trotz der Preise, schon beinahe bedaure, keinen Hunger zu haben.

Ich habe mich wieder aufgewärmt und laufe hinüber nach Södermalm, zum Katarinen Lift , von wo aus ich die atemberaubende Aussicht genieße.

Ich lauf noch ein bißchen durch dieses Stadtviertel, vorbei an vielen kleinen Home Design Shops, komme an einer kleinen Schokoladenfabrik vorbei, wo man von außen zuschauen kann, wie Trüffel produziert werden und kann nicht widerstehen, mir ein paar zu kaufen.

Es ist inzwischen 15.00 und dunkel. Ich laufe wieder zurück Richtung Gamla Stan, zum Fähranleger, wo ich die Fähre nach Djurgarden nehme, denn ich will ins Vasa Museum. Eine Kollegin hat mir gesagt, dass ich mir das unbedingt anschauen muß, sonst bin ich nicht in Stockholm gewesen. Auch wenn das vielleicht ignorant klingt, aber ich habe keine Ahnung was mich da erwartet, und da es dunkel und kalt ist, gehe ich ins Museum.

Das Museum sieht aus wie ein großes, sinkendes Schiff, eine perfekte Hülle für das, was der Besucher hier zu sehen bekommt. Die Vasa, ein Holzschiff aus dem 17.Jahrhundert, gebaut, um in die Schlacht zu ziehen gegen Polen. Es hatte zwei Kanonendecks, die unteren Luken waren für Salutschüsse geöffnet, als das Schiff den Hafen verließ. Es genügte ein wenig Wind, damit das Schiff Schlagseite bekam, denn es war sehr schmal und hatte einen zu hohen Schwerpunkt. Zwar konnte die Mannschaft das Schiff nochmal aufrichten, aber mit größerer Entfernung zum Hafen wurde auch der Wind stärker und trieb Wasser in die unteren Luken. Das Schiff sank nach nur 20 Minuten Jungfernfahrt. Es wurde in 1961, nach 333 Jahren auf dem Meeresgrund in einer atemberaubenden Aktion geborgen. Das wenig salzhaltige Wasser der Ostsee hat keinen größeren Schaden am Holz angerichtet, es war nur total verschlammt und konnte zum größten Teil wiederhergestellt werden. Es war und ist ein prächtiges Schiff.

Tief beeindruckt mache ich mich auf den Heimweg. Ich hoffe, unterwegs ein typisch schwedisches Restaurant zu finden, aber ich sehe nur asiatische und italienische Restaurants. Im Hotel sagt man mir, dass es hier nicht wirklich ein Restaurant mit typisch schwedischer Küche gibt. Ich bin hundemüde und will nicht mehr laufen, aber ich würde gern nochmal Hering oder Lachs essen. Die Concierge überlegt ein wenig und findet tatsächlich in der Nähe des Hotels ein “tolles” Restaurant, mit annehmbaren Preisen. Sie reserviert den Tisch online! Inzwischen sind meine italienischen Kollegen auch angekommen. Das Restaurant ist nur 200 Meter Luftlinie vom Hotel entfernt. Wir bekommen unseren Hering, als Vorspeise, in fünf Variationen und auch den Lachs. Es ist lecker, teuer und die Bedienungen nicht eben besonders freundlich.

Die kurze Zeit, die ich in Schweden verbracht habe, zuerst in Nyköping, und nun diesen Tag hier in Stockholm, habe ich mich nicht besonders willkommen gefühlt. Die Leute waren, bis auf wenige Ausnahmen, die allerdings nicht gebürtige Schweden sind, nicht besonders freundlich, sie sind sehr robust und kurz angebunden zu, halten sich nicht mit Höflichkeiten auf, man kommt gleich zum Thema. Vielleicht liegt das ja am rauhen Klima.

3.30 Uhr in der Nacht klopft es sehr laut an meine Zimmertür. Es brennt, das Nachbarhaus, alle müssen raus. Obwohl es ziemlich laut auf dem Hotelflur ist, habe ich nichts gehört. Ich war so müde und k.o., ich habe tief und fest geschlafen. Ich brauch ein paar Sekunden um mich zu sammeln. Ich zieh mir schnell was Warmes über, werfe meine Sachen in den Koffer und haste die Treppe runter. Aus dem Keller des Nachbarhaus qualmt es, die Feuerwehr hat die ganze Straße abgeriegelt, die Hotelgäste stehen auf der Straße, es ist kalt und alles ist total verräuchert. Der Spuk dauert eine Stunde, dann können wir wieder zurück in unsere Zimmer.

Alle sind ein wenig verunsichert, einige Hotelgäste können wegen des Qualms nicht in ihre Zimmer zurück. Ich leg mich aufs Bett und schlafe sofort wieder ein.

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2008-10 Ramnicu Valcea, Rumänien

Romania

Von Istanbul fliege ich über Bukarest nach Sibiu.

Ich beginne ein neues Projekt und irgendwo in den Karpaten findet das erste Projektmeeting statt.

Ich habe zwei Stunden Aufenthalt in Sibiu/Hermannstadt. Stefania, 17 Jahre jung, erwartet mich und fragt mich sofort, ob ich mir Sibiu anschauen mag. Natürlich will ich das! Das alte Stadtzentrum ist 15 Minuten vom Flughafen entfernt. Mr. Tomescu fährt uns in Zentrum, aber er kommt nicht mit, er will sich ein wenig ausruhen.

Die Stadt wurde im 14. Jahrhundert von Deutschen gegründet und war lange Zeit das Verwaltungszentrum der Siebenbürger Sachsen. Es sieht tatsächlich aus wie in einer deutschen Kleinstadt. Kleine, zwei- bis dreigeschossige Häuser, ein Marktplatz, ein paar Kirchen und ein wunderschönes Rauthaus. Im Jahr 2007 war Sibiu zusammen mit Luxemburg Kulturhauptstadt Europas.

Ich war vor 4 Jahren schon einmal hier. Damals sah alles noch ziemlich grau und heruntergekommen aus. Heute ist davon nur noch etwas zu ahnen, wenn man hinter die restaurierten Barockfassaden schaut. Ich gehe in ein paar Häuser und Hinterhöfe und finde dort sehr schöne Innehöfe, verstaubte, alte, mit Skulpturen dekorierte Treppenhäuser und einem modrig-feuchten Geruch, der mich an die Häuser meiner Kindheit erinnert.

Stefania ist das ein wenig unangenehm, dass ich so hinter die Fassaden schaue und sie versteht nicht wirklich, was mich daran so fasziniert. Die Hinterhöfe sind zwar ziemlich verfallen, aber voller Leben. Überall stehen Blumentöpfe, hängt Wäsche auf der Leine, stehen irgendwelche Sachen von Mietern herum, spielen Kinder. Ich bin mir sicher, dass es das in ein paar Jahren nicht mehr geben wird. Dann wird man stattdessen perfekt restaurierte Innenhöfe mit Cafés, Kunstgalerien und Restaurants finden. Die jetzigen Mieter werden sicher nicht mehr dort wohnen. Ich gucke ein wenig mit Sehnsucht auf diese unperfekten Schönheiten, aber natürlich kann ich gut verstehen, dass Menschen lieber in sanierten, mit allem Komfort ausgestatteten Wohnungen leben wollen.

Ich habe einen Bärenhunger, aber nur Euro, keine rumänischen Lei. Stefania kauft mir ein Baguette. Ich will ihr den Gegenwert in Euro geben  aber sie lehnt beleidigt ab. Wir schlendern noch an der alten Stadtmauer entlang und Stefania erzählt mir von ihrer Familie, ihren Freunden, ihren Plänen. Sie will ihr Abitur machen, danach in Bukarest studieren und später als Sozialarbeiterin arbeiten. Außerdem will sie gern einige Zeit im Ausland studieren, aber sie weiß nicht, wie sie das finanzieren soll. Ich erzähle ihr vom europäischen Comenius Program, welches solche Auslandstudienaufenthalte fördert und unterstützt.

Stefania erzählt mir, dass ihr Land große Probleme hat, weil alle gut ausgebildeten, jungen Leute das Land verlassen, um im Ausland zu arbeiten. Sie arbeiten dort, um in kurzer Zeit Geld zu verdienen. Dabei ist es oft relativ unerheblich, wie gut sie qualifiziert sind. Die meisten werden sowieso nicht entsprechend ihrer Qualifikation eingesetzt. Nach ein paar Jahren kommen sie dann zurück nach Hause und versuchen sich eine Existenz in der Heimat aufzubauen. Nur dann haben sie in ihrem Beruf keinerlei praktische Erfahrungen und landen auch nur wieder in schlecht bezahlten Jobs. Viele finden niemals ihre richtige Bahn, werden abhängig von irgendwelchen Drogen und kommen aus diesem Teufelskreis nicht mehr heraus. Und deshalb will Stefania Sozialarbeiterin werden. Sie glaubt, dass es wichtig ist, diesen Kreislauf zu unterbrechen. Ich bin tief beeindruckt von ihr.

Wir haben die Zeit vergessen und hetzen zum Auto. Mr. Tomescu wartet schon auf uns. Wir fahren zurück zum Flughafen, wo wir auf Kylene aus Italien warten. Der Flieger hat Verspätung und ich schaue mir inzwischen die Flughafenausstellung über Siebenbürgen an. Siebenbürgen hat unzählige Festungskirchen, fast alle gut erhalten und restauriert, mit prachtvollen Orgeln, Altären und Malereien ausgestattet. Drumherum sind über die Jahrhunderte pittoreske Dörfer entstanden, eingebettet in eine traumhafte Landschaft. Es sieht aus wie auf einer Spielzeugeisenbahn. Natürlich hab ich mich vorher ein wenig schlau gemacht über diese Gegend, aber allein die Fotos versetzen mich in uralte, längst vergangene Zeiten zurück.

Kylene ist angekommen und wir fahren nach Cotesti, zwei rumänische Autostunden von Sibiu entfernt. Cotesti liegt in der Region Ramnicu Valcea und ist 130 Kilometer von Sibiu entfernt. Die Staßen sind holprig, es ist viel Verkehr. Mr. Tomescu hat einen Radarwarner, der alle paar Minuten piept. Kylene und ich arbeiten schon seit ein paar Jahren zusammen. Wir tauschen uns über unsere Arbeit aus, gucken Landschaft und schlafen irgendwann ein. Wir erreichen Cotesti nach drei Stunden. Das Dof liegt in “the middle of nowhere”. Hier ist nix, außer Wald, Bergen, eine Straße und eine Handvoll Häuser.

Wir sind untergebracht in der einzigen Pension des Dorfes. Die Pension wurde vor wenigen Jahren mit europäischer Finanzhilfe erbaut. Ziel war es, den ländlichen Tourismus zu unterstützen. Die Finanzierung war pari/pari, d.h. 50% der Mittel kamen von der EU, die andere Hälfte vom privaten Eigentümer der Pension. Die Finanzhilfen sind nicht gerade kleinlich, allerdings frage ich mich, als wir die Pension betreten, wo die Gelder verbaut wurden.

Unsere Projektpartner warten schon im Restaurant der Pension auf uns. Das Restaurant ähnelt eher einer Wartehalle, ist grell beleuchtet und total verräuchert, der Duft von Bratenfett liegt in der Luft. Ein Fernseher läuft und ein paar Einheimische sitzen in der Ecke, trinken Bier, rauchen und diskutieren lautstark.

Wortlos werden wir von einer Angestellten zu unseren Zimmern begleitet. Das Zimmer ist sehr schlicht, haben aber immerhin ein eigenes Bad. Die Duschabtrennung ist defekt und so muß ich über die Toilette steigen, um in die Dusche zu gelangen. Wenn man in der Dusche steht, kann man auch die Badtür schließen. Es riecht im Zimmer wie im Restaurant. Na ja, ist ja nur für zwei Nächte.

Ich geh zurück ins Restaurant. Zum ersten Mal treffe ich meine Projektpartner. Wir essen zusammen, natürlich traditionell rumänisch. Alle preisen eine Suppe, Ciorbă de Burtă. Also nehm ich die auch. Es ist ein milchig, weiße Brühe mit viel Knoblauch und für mich undefinierbarem Fleisch. Die Brühe ist ok. Ich probiere ein kleines Stück Fleisch. Es ist ganz weiß, knorplig und irgendwie gummiartig. Alle beobachten mich und fangen an zu lachen. Ilhan, mein türkischer Kollege erklärt mir, dass dieses gummiartige Etwas Kuhmagen ist. Ausführlich schildert er mir, wie diese Suppe zubereitet wird. Ich will das eigentlich gar nicht so genau wissen und bin froh, dass ich ein Glas Rotwein und etwas Weißbrot habe. Der Abend wird nett, wir erzählen bis Mitternacht.

Ich liebe solche Anfänge.

Am nächsten Morgen ist Projektmeeting, mit dem üblichen Verlauf. Jeder stellt sich und seine Institution vor, erklärt, wie er die Projektziele realisieren will, wo es schwierig wird, wo er/sie Hilfe braucht, usw. Es ist teilweise ein wenig konfus und ich habe Mühe den verschwommenen Ausführungen meiner rumänischen Kollegen zu folgen. Aber dann haben wir noch eine nette Begegnung.

Florin, der Direktor von Kogayon, einer Umweltschutzorganisation, stellt uns sein Projekt, den Nationalpark Buila vor. Er hat in Bukarest Geologie studiert und während seiner Studienzeit mit ein paar Freunden diese Organisation gegründet. Sie hatten sich zum Ziel gesetzt, ein Stück wilden Wald zum Naturpark zu machen. Das war angesichts dessen, dass Umweltschutz in Rumänien nicht unbedingt ganz oben in der politischen Prioritätenliste steht, ein mühsehliges Unterfangen. Und das ist es noch immer. Der Wald gehört zum Teil Bauern, zum Teil den umliegenden Gemeinden bzw. dem Staat. Die Bauern schlagen Holz zum Heizen und für die Warmwasserbereitung. Sie haben kein Geld für alternative, geschweige denn, für umweltfreundliche Energiequellen. Das Durchschnittseinkommen liegt hier bei ungefähr 150 Euro. Überleben kann man nur mit einem eigenen Stück Land, auf dem man Obst und Gemüse für den Eigenbedarf und Mais für das Vieh anbaut.

Aber Florin und seine Mitarbeiter sind mittlerweile gut in der Region bekannt und vernetzt. Sie beziehen sowohl die Bauern als auch Schulen, Politiker und die wenigen Unternehmer in ihre Aktivitäten ein. Der wilde Wald hat seit dem Jahr 2000 den offiziellen Status eines Naturparks. Das bedeutet auch, dass der rumänische Staat anteilig die Aktivitäten finanzieren muß. Bisher ist allerdings noch kein Geld geflossen.

Am Mittag fahren wir nach Horezu, in die Verwaltung der Samtgemeinde und treffen uns dort mit dem Sekretär für Tourismus und Umwelt. Der versprochene Minibus ist nicht da, so dass uns freundlicherweise ein Angestellter des Hotels in zwei Gruppen nach Horezu fährt. Wir sind insgesamt 11 Personen, er hat einen alten Ford Kombi. Wir quetschen uns irgendwie in sein Auto, die Fahrt dauert 15 Minuten.

Uns empfangen der Tourismussekretär und zwei Mitarbeiter der Verwaltung. Kylene und ich fragen den Sekretär über das Leben, die Arbeit, die Politik und die Bildung in der Region aus. Die Konversation ist ein wenig zähflüssig, denn er spricht kaum Englisch und die englischen Sprachkenntnisse unserer rumänischen Projektpartnerin reichen nicht zur Übersetzung komplexerer Zusammenhänge. Die Verwaltungsmitarbeiter sind ein bißchen überrascht ob des Interesses, aber es macht ihnen auch Spaß, unsere Fragen zu beantworten. Leider haben wir nicht genügend Zeit, denn wir müssen weiter, zum Kloster Horezu, welches in der Weltkulturerbeliste der UNESCO eingetragen ist. Wir werden auf der sonnigen Terasse des Wohngebäudes der Nonnen empfangen. Uns erwartet ein Drei-Gänge-Lunch. Der Ausblick ist atemberaubend und die Landschaft traumhaft. Es ist sehr still und so werden auch wir ganz still und essen schweigend.

Nach dem Essen schauen wir uns die Klosteranlage an. Wir fragen eine Nonne, ob sie uns ein wenig über das Kloster erzählen kann und sie gibt bereitwillig Auskunft. So ca. 200 Nonnen arbeiten hier. Sie bewirtschaften nicht nur das Kloster, sondern kümmern sich auch in der Umgebung um die Betreuung von Alten, Kranken und Kindern.Die Gebäude sind alle sehr gut erhalten und liebevoll restauriert. Die Anlage ist eine Mischung aus den großen Religionen der Welt und dem bracovanischen Baustil. Die Klosterkirche ist innen und im Eingangsbereich von oben bis unten mit Geschichten aus dem alten Testament bemalt. Am Eingang links ist das himmlische Leben, auf der rechten Seite das Leben in der Hölle dargestellt. Im Altarvorraum sind die 365 Tage des Jahres abgebildet. Der eigentliche Altarraum ist eher klein, aber eine Pracht! Der Altar ist aus Walnußholz geschnitzt und mit Gold belegt. Und auch dieser Raum ist rundherum bemalt. Es findet gerade eine Messe statt, aber die Nonnen stören sich nicht an unserem Besuch.

Meine türkischen Kollegen wollen unbedingt ein Foto mit dem Priester haben. Ich bitte den Tourismussekretär, zu fragen. Der Priester willigt tatsächlich ein. Ich muß auch mit auf das Bild. Welch eine Mischung: ein Moslem, ein Christ, eine Atheistin und ein orthodoxer Priester!

Der Tourismussekretär ist völlig hin und weg. Er bedeutet mir, ihm durch den Klostergarten zu folgen. Er zeigt mir, verborgen hinter einer kleinen hölzernen Pforte, den Garten der Nonnen. Es ist wirklich romantisch. Wir klettern auf die Ruinen des alten Krankenhauses und haben von dort zweifellos den besten Blick über die Anlage. Auf dem Rückweg treffen wir Kylene, die mir erzählt, dass die Nonnen hier auch die Teppiche für das Kloster knüpfen. Der Tourismussekretär fragt eine Nonne, ob sie uns die Werkstatt zeigen mag. Sie willigt ein, geht aber erst voraus, um ihre Nonnen zu fragen. Wir gehen durch den Schlafraum der Nonnen. Es ist ein karger, heller, hoher Raum mit jeweils 8 Eisenbetten an jeder Seite der Wand. Die Nonnen haben die Werkstatt verlassen. Wir bewundern die Teppiche in den Knüpfrahmen. Sie werden aus der Wolle der Schafe geknüpft, die auf den Klosterwiesen weiden. Gefärbt wird die Wolle mit Naturfarben, die die Nonnen aus Pflanzen herstellen bzw. einkaufen. Sie knüpfen ausschließlich für den Eigenbedarf und sie gehen in die Dörfen und bringen Jüngeren dieses Handwerk bei. Wir sind tief beeindruckt.

Es ist schon 18.00 Uhr und wir müssen unbedingt noch in Florins Naturpark, wenigstens ganz kurz. Das kleine Stück, was wir davon sehen, ist wirklich schön. Aber es wird schon dunkel, und wir müssen zurück. Ein paar von uns wollen unbedingt noch in eine Töpferei, denn Horezu ist auch das Zentrum der rumänischen Töpferkunst. So verlockend das alles auch ist, wir müssen noch an unserem Projekt arbeiten. Da wir nur einen PKW für den Transport zur Verfügung haben, läuft die eine Hälfte der Gruppe, bis wir von unserem Fahrer eingesammelt werden. Das anschließende Abendmeeting endet ziemlich spät.

Auf dem Platz vor der Pension steckt ein Lamm auf dem Spieß, uns zu Ehren geschlachtet und über dem offenen Feuer gegrillt wird. Es ist zappenduster, wir sehen nicht wirklich, was wir essen. Dafür fangen alle irgendwann mit ein paar hinzugekommenen Einheimischen an zu singen.

Der nächste Morgen beginnt wieder zeitig mit dem Projektmeeting. Mittags müssen wir uns wieder alle in zwei kleine PKW quetschen. Diesmal allerdings mit unseren Koffern, denn wir ziehen um nach Ramnicu Valcea. Die Stadt ist eine Autostunde entfernt und die Fahrt wird eine ziemliche Quälerei.

Wir, d.h. drei von uns, geben dem rumänischen Fernsehen ein Interview. Ich habe die Ehre, unsere Gruppe zu vertreten.Eigentlich war das kein Interview, sondern die Aufzeichnung einer Sendung zu Neuigkeiten aus der Region Ramnicu Valcea. Die Moderatorin ist sehr jung und sehr schön. Bevor die Aufnahme beginnt, geben wir ihr eine Zusammenfassung unseres Projektes. Sie hat keine Fragen. In der Sendung fragt sie mich, ob ich schon mal in Rumänien war. Als ich ihr sage, dass ich vor vier Jahren  in Brasov war, will sie sofort wissen, ob ich irgendwelche Unterschiede zwischen den Bewohnern hier und dort ausgemacht habe. Welch eine Frage! Klar habe ich das, aber es liegen viele Jahre dazwischen und die Menschen haben sich zweifellos verändert. Ich kann unmöglich früher dort mit heute hier vergleichen, ich gebe eine höfliche Antwort.

Danach müssen wir noch zu einer Pressekonferenz in der Stadtbücherei. Im Konferenzraum der Bücherei wartet eine Handvoll Leute. Keiner sagt was, keiner fragt was. Unsere rumänische Projektpartnerin fängt sofort an über die Partner, das Projekt und die EU zu reden. Mir platzt nahezu der Kragen. Meinen Kollegen geht es ähnlich. Wir wollen wissen, wer von welcher Zeitung ist, welches die Zielgruppe der Zeitung ist, wann der Artikel erscheinen wird. Einige Antworten kriegen wir nach mehrmaligen Nachfragen. Wir erzählen etwas über uns und unser Projekt, eine Pressekonferenz kommt nicht wirklich zustande. Die “Journalisten” bleiben stumm, aber schreiben ganz viel. Ich frage nach einer Kopie der Artikel. Sie wollen sie mir zusenden, fragen aber nicht nach einer Adresse.

Am Abend essen wir in einem typischen, rumänischen Restaurant. Diesmal bin ich mit der Auswahl meines Essens vorsichtiger. Allerdings, alle Bestandteile des Gerichts werden einzeln bestellt und bezahlt. Das erklärt beim Bestellen keiner, aber meine rumänische Sitznachbarin bestellt alles für mich. Am Ende habe ich eine lange Liste von Speisen, die ich angeblich bestellt habe und nun auch bezahlen soll. Ich bin viel zu müde, um darüber zu diskutieren und bezahle. Zum Schlafen bleibt nur wenig Zeit, drei Uhr morgens werden wir abgeholt und zum Flughafen nach Sibiu gefahren.

Die Tage in Rumänien waren eine Attacke auf meine Toleranz und eine echte interkulturelle Herausfoderung. Ich habe ein völlig anderes Verständnis von Zeit- und Organisationsmanagement. In diesen Tagen habe ich oft gehört, dass in Rumänien nichts einfach ist und die Uhren anders gehen. Fürwahr!

Das Stück Rumänien, welches ich gesehen habe, hat eine lange, interessante Geschichte , ist eingebettet in eine wunderschöne Landschaft und ich habe auch ein paar Menschen getroffen, die bereit sind, die Uhren anders zu stellen.

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