Middle Class

Über Reiche und Arme

Vor ein paar Tagen habe ich zwei Dokumentationen gesehen, eine über das Leben sehr reicher Menschen und eine über Menschen aus der unteren Mittelschicht.

Diese beiden Dokumentationen haben mich, auch vor dem Hintergrund der aktuellen Ereignisse hier in Frankreich ziemlich wütend und auch ratlos gemacht.

Ja, ich kenne all diese Berichte und Statistiken über die grassierende soziale Ungleichheit, über die Zunahme befristeter und schlecht bezahlter Arbeitsverhältnisse, die wachsende Politikverdrossenheit.

Was mir oft begegnet sind Menschen, die Dinge angehäuft haben, die sie nicht brauchen, die in vollgestopften Wohnungen sitzen und total verschuldet sind. Die sich völlig dem Konsum hingegeben haben und noch nicht einmal einen Gedanken daran verschwenden, ihren Lebensstil zu ändern. Dabei haben sie sich durchaus so verhalten, wie es eine Konsumgesellschaft braucht damit der Motor nicht ins stocken gerät: sie haben gearbeitet, Geld verdient und sofort wieder ausgegeben. Sparen lohnt ja eh nicht mehr, dafür wird man sogar noch bestraft.

Außerdem ist es ziemlich einfach, alles auf Kredit zu kaufen (Möbel, Urlaubsreisen, sogar für Lebensmittel wird Ratenkauf angeboten!). Viele können sich kaum noch vorstellen, Geld zu sparen um sich einen Wunsch zu erfüllen, der, wenn man dafür Zeit und Mühe aufwenden muß, sich oft als obsolet herausstellt. 

Ich habe heute über die neuesten Marketingtrends (opportunities!) gelesen. Da wird beschrieben wie man noch besser, noch zielsicherer Werbung platziert damit die Menschen auch wirklich nicht aufhören zu konsumieren.

Ich frage mich schon, wo da die Moral bleibt, wenn man es Menschen so einfach macht, ihr Geld für Dinge auszugeben, die sie nicht wirklich brauchen, wofür sie sich verschulden. Ich meine, wo endet das denn, wenn wir, statt unserer Eltern, Alexa oder Siri fragen, wie man Eier kocht? Was passiert mit dem öffentlichen Raum, wenn wir uns, von artificial intelligence gesteuert, nur noch im Internet bewegen?

Viele interessieren sich nur dann für politische oder wirtschaftliche Zusammenhänge, wenn ihnen irgendwelche Zuwendungen gekürzt oder Steuern erhöht werden, wobei sich das Interesse meist auf die Forderung reduziert, dass Bitteschön alles so bleiben solle. Es sind vorrangig diese unteren Mittelschichten, die dann nach Rettung verlangen, die diejenigen, die finanziell besser gestellt sind beschimpfen, die glauben, dass es an den Migranten liegt, dass es ihnen nicht mehr gelingt ein “schönes” Leben zu führen.

Die kommen gar  nicht auf die Idee, dass es vielleicht auch an ihrem Verhalten liegt, dass sie sich in einer schwierigen Situation befinden. Sie sind unvermögend, ihre Situation zu überreißen und zu verändern.

Linke und rechte extreme Parteien und Gruppierungen sind schnell mit einfachen Antworten, mit einfachen Lösungen (Essay, PDF) dabei: es sind immer die anderen, der Staat, die Ausländer, die Reichen. Da werden neue Mauern gebaut, in den Köpfen, an  Landesgrenzen, für soziale Schichten, im Internet. Und diese Mauern werden als Symbole der Stärke betrachtet, dabei sind sie ein Symbol der Ohnmacht und sie sind nur stark durch unsere emotionale Taubheit. 

Das ungebremste globale Wachstum wird an Grenzen stoßen, an natürliche, an politische, ökonomische und an soziale. Es hilft nicht, auf das “System” , den Staat, die Ausländer oder Reichen zu schimpfen. 

Wir sind das System, wir haben es geschaffenen davon profitiert, wir halten es am Leben und nur wir, können es verändern.

Aber nicht mit plumper physischer Zerstörungswut, sondern in dem wir unseren Verstand benutzen.


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