10 Tage in Südvietnam

So langsam fangen wir endlich an zu reisen und diesmal haben wir uns auf den Weg nach Ho Chi Minh City (HCMC) gemacht, denn Isa und Dick sind seit ein paar Monaten in Südostasien unterwegs und wir wollten uns mit ihnen irgendwo dort für ein paar Tage treffen. Jetzt ist Vietnam nicht gerade um die Ecke und für so eine kurze Dauer ist die Anreise auch relativ aufwendig (Barcelona-London-Doha-HCMC und zurück), aber es hat sich für mich auf jeden Fall gelohnt. Mein “Inspiration Tank” ist wieder aufgefüllt 🙂

Ich war zuvor noch nie in diesem Teil der Welt und wußte nicht so recht, was mich dort außer hoher Luftfeuchtigkeit und warmen Temperaturen (was übrigens sehr angenehm war) erwartet.
Wir sind morgens in HCMC angekommen, mitten im Berufsverkehr und ich habe mich wie in einem großen Ameisenhaufen gefühlt. Unzählige Mopeds, wirklich unzählige, sind auf den Straßen (und Fußwegen) in alle Richtungen unterwegs. Wenn man als Fußgänger eine Straße überqueren will, muß man einfach loslaufen, die passen schon auf dass sie dich nicht umfahren. Ich habe nicht einen einzigen Unfall gesehen. Begleitet wird das Ganze von einer immensen Geräuschkulisse und Abgaswolke. Ich habe sofort verstanden, warum viele Menschen eine Atemschutzmaske tragen.

Der öffentliche Nahverkehr ist sehr gut organisiert, die Fernbusse super bequem, man reist im liegen.

5G Internet gibts überall und entsprechende Services dazu.

Die Luftverschmutzung und den Müll auf den Straßen fand ich ehrlich gesagt unglaublich. Sobald man in eine Wohnung, ein Geschäft, Suppenküche oder Restaurant geht, ist alles blitzeblank sauber. Dieser Widerspruch hat mich ziemlich verstört. Das Land hat kaum Kapazitäten um den Müll zu sammeln, zu verarbeiten und zu verbrennen. Aber es gibt einen Plan, allerdings ist derzeit wohl  kein oder zu wenig Geld für Investitionen vorhanden um diesen Plan auch zu realisieren.

Das Land versinkt im Plastikmüll! Das ist ein riesiges Problem und hat mich ziemlich wütend gemacht. Ich meine, es wäre doch relativ einfach, nur noch Elektroroller zuzulassen und Plastiktüten zu verbieten.

HCMC

Die Stadt hat ungefähr 9 Millionen Einwohner und schätzungsweise 7 Millionen Mopeds sowie 700.000 Autos sind täglich in dieser Stadt unterwegs. Ein Moped können sich viele leisten, ein Auto ist etwas für Reiche und Funktionäre, sagte uns ein Einheimischer.

Ho Chi Minh City platzt aus allen Nähten. Es entstehen komplett neue Stadtviertel, Lücken werden bebaut und für das gesamte Land sind 500 Wohnhochhäuser à 500 Wohnungen bis 2020 geplant zu bauen. Wir haben in einem dieser gerade fertiggestellten Hochhäuser (50 Etagen!) in einem doch recht luxuriösem Apartment übernachtet, mit einem phantastischem Blick über die Stadt.

Es macht Spaß einfach so durch die Stadt zu laufen, trotz Umweltverschmutzung.
Im chinesischen Viertel mit seinen kleinen Gassen und den schmalen, hohen Häusern sind noch die Einflüsse der Stadtgestaltung aus der französischen Kolonialzeit sichtbar.

Im 1. Bezirk stehen u.a. Partei-und Verwaltungsgebäude, schöne Paläste aus der Kolonialzeit und die wichtigsten Museen der Stadt. Wir haben uns die Ausstellungen und Galerien im Museum für Moderne Kunst angeschaut. Dort habe ich auch Lackmalereien gesehen und ein wenig über diese Maltechnik herausgefunden. Im Laden der Kunsthochschule hab ich mir dann auch die wichtigsten Materialien und Werkzeuge gekauft damit ich das ausprobieren kann.

Das Kriegsmuseum hat mich sehr beeindruckt. Die Ausstellung zeigt eigentlich nur Fotos, Augenzeugenberichte in Schrift und Video und die von den USA verwendeten Waffen. Ich war oft den Tränen nahe und manche dieser Bilder und Berichte konnte ich mir nicht anschauen, das war kaum auszuhalten. Ähnliches habe ich bisher nur in Auschwitz gefühlt.
Ein paar Tage später haben wir uns noch die Tunnel von Cu Chi angeschaut, sind selber hineingekrochen um wenigstens einigermaßen eine Vorstellung davon zu bekommen, was die Vietcong da gebaut haben. Zwar waren sie von der Ausrüstung her den Amerikanern weit unterlegen, aber moralisch waren sie ihnen weit überlegen.

Can Tho

Wir sind rechtzeitig vor dem Taifun aus HCMC abgereist und haben ein paar Tage im Mekong Delta verbracht. In einer kleinen Pension in Can Tho, der größten Stadt im Delta haben wir gewohnt und von dort die Gegend erkundet. Mit dem Boot sind wir zum noch immer größten schwimmenden Markt gefahren. Es gab und gibt viele dieser schwimmenden Märkte im Delta, wo die heimischen Bauern ihre Erzeugnisse sowohl an Groß-und Einzelhändler wie auch Privatleute verkaufen.

So pittoresk das Schauspiel für Touristen auch sein mag, die Probleme des Deltas und der äußerst intensiv betriebenen Landwirtschaft lassen erahnen, was da auf die Bewohner zukommt.

Im Delta werden über 50% des Reises und ein Großteil des Obst und Gemüses Vietnams produziert. Wetterkatastrophen, sinkender Wasserspiegel durch Staudämme in China und Kambodscha, Erosion der Ufer und das Eindringen von Salzwasser bedrohen das ökologische wie auch ökonomische Gleichgewicht in dieser Region.  Um Ertragsverluste in der Landwirtschaft und Fischzucht auszugleichen, wird mehr gedüngt und bewässert, die Fisch- und Shrimpszucht mit allerlei Chemie gepusht. Viele kleinere Kanäle sind schon heute so verschmutzt, dass dort kaum noch Leben ist. Es scheint ein Teufelskreis zu sein, aber ein von Menschen gemachter.

Teilweise ist es schon absurd zu sehen, wie die Menschen dort mit der Natur, ihrer unmittelbaren Lebensgrundlage umgehen. Der Bootsführer muß alle 20 Minuten anhalten um die Motorschraube vom Plastikmüll zu befreien, nur um selbigen wieder ins Wasser zu werfen. Gleichzeitig preist er die Natur und Pflanzenvielfalt und bedauert, dass es kaum noch Flusspferde und Krokodile gibt.

Am nächsten Tag haben wir uns Roller ausgeliehen und sind in ein paar Dörfer nördlich von Can Tho gefahren. Wir waren auf der Suche nach zwei sogenannten Craft Villages, Dörfern in denen die berühmten Kegelhüte (Non La) und Reispapier hergestellt werden. Die Hutmacher haben wir nicht gefunden und die Herstellung des Reispapiers haben wir auch nicht wirklich gesehen, dafür aber gekostet. Als wir nämlich ein wenig hilflos am Straßenrand standen und Google Maps durchsuchten, hat uns eine Familie zu sich eingeladen. Die war gerade nach einem üppigen Lunch beim Reiswein (den ich eher als Schnaps bezeichnen würde) angelangt und entsprechend fröhlich. Natürlich mußten wir mit ihnen anstoßen und die Frau des Hauses hat uns leckere Bananenreisfladen serviert. Der Mann hat die Schönheit seiner Tochter gepriesen und war sichtlich angetan von Dick. Nach einer Weile hatten wir den Eindruck, dass er ihm seine Tochter offerierte.
Es scheint ein durchaus gängiges Geschäftsmodell zu sein 😉
Dieser Eindruck hat sich noch verstärkt, als wir eines Abends durch das Backpackerviertel gelaufen sind und überall sehr schöne, leicht bekleidete Frauen nach westlichen Männern Ausschau hielten. Ich weiß, das dass eine euphemistische Beschreibung ist für das was da wirklich geschieht.

Fazit

Vietnam boomt, unter kommunistischer Führung entwickelt sich ein entfesselter Kapitalismus mit all seinen Vor- und Nachteilen. Natürlich ist es ein Vorteil, wenn mehr Menschen in einigermaßen guten Häusern leben, wenn sie mehr Geld verdienen, wenn sie sich den Luxus eines Motorrollers, Mobiltelefone leisten können und so mobil werden, am Leben teilnehmen können. Das, was hier Luxus ist, ist für uns aus der reichen westlichen Welt selbstverständlich.

Aber auch wenn sich für die Masse das Lebensniveau erhöht, die Kluft zwischen arm und reich wächst atemberaubend schnell und ist so unglaublich groß, dass ich mich frage, wie lange so etwas gut geht, wie lange bleiben die Menschen noch freundlich und offen und unterstützen sich gegenseitig, wann kippt das, wann werden sie gierig und egoistisch, wo ist die Grenze zwischen genug und Überfluss?

Aber, ich will da auf jeden Fall wieder hin…

 

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