Von Zuwendungen und Erwartungen

Wir alle brauchen Aufmerksamkeit, Zuwendung und Liebe, es ist ein Grundbedürfnis des Menschen. So weit so gut, so einleuchtend. Jedoch ist die Art, wie uns Zuwendung widerfährt entscheidend dafür, wie wir Beziehungen zu anderen Menschen gestalten. Es ist ein hochkomplexes Geflecht von moralischen Verpflichtungen, Bedingungen, Erwartungen und Emotionen. Zuwendung ist für unser Wohlbefinden so notwendig, dass wir sogar negative Zuwendung, wie beispielsweise Schläge, Hohn, Spott und Hass, in Kauf nehmen, als gar keine Zuwendung. Ich will hier einmal versuchen diese Abhängigkeiten ein wenig aufzudröseln.

Das Bedürfnis nach Zuwendung bezieht sich beim Säugling zunächst auf streicheln und körperliche Nähe. Je älter wir werden desto mehr werden diese Zuwendungen durch andere ersetzt bzw. kommen neue hinzu.

Ein Beispiel für eine einfache Zuwendung ist das Begrüßungsritual: wir wollen gesehen werden, wir möchten, dass die andere Person uns irgendwie wahrnimmt.
Es ist bestimmt schon jedem mal passiert, dass man jemanden auf der Straße übersehen oder nicht erkannt hat und dass diese Person bei der nächsten Begegnung ein wenig beleidigt darauf reagiert. Das mag vielleicht etwas kleinlich erscheinen, aber aus dieser einfachen Situation kann sich ein großer Konflikt entwickeln.

Zuwendungen können verschieden intensiv sein. Eine Begrüßung mit “Bonjour” wiegt weniger auf unserem Zuwendungskonto als ein “Bonjour, comment allez-vous?”

Dabei verwalten wir unser “Zuwendungskonto” sehr unterschiedlich. Manche Menschen haben ein gut gefülltes Konto mit positiv erfahrenen Zuwendungen und können diese lange für sich speichern und nutzen. Andere, die relativ wenig positive Zuwendungen erfahren haben, entwickeln einen regelrechten Zuwendungs-Hunger und tun beinahe alles, um auf irgendeine Art Aufmerksamkeit zu bekommen. Dabei nehmen sie sowohl unechte wie auch negative Zuwendung in Kauf.
Auch neigen sie dazu, Zuwendung zu erahnen, wo gar keine gegeben wurde, das kann dann als aufdringlich erscheinen, zumindest wirkt es irritierend:
“Wo hast du denn diesen Tisch gekauft?” – “Es freut mich, dass er dir gefällt!”

Es gibt verschiedene Arten von Zuwendung, und diese prägen entscheidend den eigenen Umgang damit, wie Zuwendung gegeben und entgegengenommen wird.

Positive Zuwendung

bedingungslos:

Ich mag dich.

Du bist schön.

Ich liebe dich.

bedingt:

Ich mag dich, wenn du so bist.

Du bist schön, wenn du dieses Kleid trägst.

Ich liebe dich, weil du gut zu mir bist

Negative Zuwendung

bedingungslos:

Ich mag dich nicht.

Du kannst nichts.

Du bist ein Versager.

bedingt:

Ich mag dich nicht wenn du so laut bist.

Das war nicht gut was du da gemacht hast.

Du bist ein Versager, noch nicht einmal die einfachsten Dinge kannst du dir merken.

Mit einem gut gut gefüllten Konto an positiver, bedingungslos gegebener Zuwendung können wir vermutlich auch relativ einfach bedingungslos negative Zuwendungen verarbeiten, während bedingte Zuwendungen uns oft in erhebliche Konflikte stürzen. Sie implizieren letztlich, dass wir nicht sein können, wie wir sind, dass wir uns den Bedingungen gemäß verhalten und uns anpassen sollen.  Später im Leben rebellieren wir vielleicht sogar dagegen. Diese “Rebellion”, ich möchte sie eher Autonomisierung nennen, findet meist innerhalb der Familie statt, vielleicht erstmalig in der Pubertät, oder auch erst viel später im Leben, wenn man sich von seinen Bezugspersonen (meist sind das die Eltern oder Großeltern) abgenabelt hat.
Das mag unter Umständen zum Abbruch der Beziehung führen, oft hinterläßt es Eltern und Großeltern aber verstört, beleidigt oder verletzt. “Wir haben doch alles getan, damit es dir gut geht und so dankst du uns das jetzt?!”
Und hier schließt sich der Kreis: die Zuwendung war an die Bedingung geknüpft, Dank zu erhalten.
Eltern lieben ihre Kinder meist bedingungslos und tun im
normalen Fall alles für Ihr Kind. Wenn sie erwachsen sind, heißt es jedoch loslassen und sie zu akzeptieren, wie sie sind, ohne Erwartungen und Bedingungen für all die erteilte Zuwendung.

Sicherlich findet jede und jeder genügend eigene Beispiele dafür, wie Zuwendungen gegeben und angenommen wurden. Die folgende Übung ist hilfreich, zu überprüfen, wie das persönliche Zuwendungskonto strukturiert ist:

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